Kinder ihrer Zeit von Claire Winter

Kinder ihrer ZeitIm Januar 1945 flieht Rosa Lichtenberg mit ihren elfjährigen Töchtern, den Zwillingsschwestern Emma und Alice, aus Ostpreußen vor den herannahenden russischen Truppen. Doch in der eisigen Kälte bekommt Alice Fieber, und sie finden auf dem Hof von Berta Paschke Unterschlupf. Als Rosa mit Emma zu einem verlassenen Nachbarhof geht, um dort eventuell noch einige Lebensmittel zu finden, sehen sie auf dem Rückweg aus einiger Entfernung, wie das Dorf und Bertas Hof von russischen Soldaten niedergebrannt wird. Erst am nächsten Tag, nachdem die Soldaten abgezogen sind, wagen sie sich zurück auf den Hof, der bis auf die Grundmauern niedergebrannt ist. In ihrer Verzweiflung hofft Rosa, dass Alice sich vielleicht in einem Keller oder Schuppen im Dorf verstecken konnte, doch Alice bleibt spurlos verschwunden.

Fünf Jahre später haben sich Rosa und Emma in West-Berlin ein neues Leben aufgebaut, das noch immer von den Ereignissen während der Flucht überschattet wird, denn Rosa ist davon überzeugt, dass ihre Tochter Alice nicht überlebt hat. Doch Emma hat die Hoffnung nicht aufgegeben, ihre Schwester eines Tages wiederzusehen und reicht deshalb einen Suchauftrag beim Roten Kreuz ein. Von diesem Suchauftrag erfährt Alice allerdings erst sieben Jahre später, als ihre Mutter Rosa bereits verstorben ist. Alice, die ihre Kindheit in verschiedenen Kinderheimen in der DDR verbracht hat, wurde zu einer überzeugten Sozialistin erzogen. Bereits beim ersten Wiedersehen merken die Zwillingsschwestern, wie unterschiedlich sie sich entwickelt haben. Durch Alice lernt Emma den Ost-Berliner Physiker Julius Laakmann kennen, in den sie sich verliebt. Julius, der Emma häufig besucht, wird bei einem Aufenthalt in West-Berlin Zeuge einer Entführung. Er gerät zunehmend ins Fadenkreuz der Stasi und will sich in den Westen absetzen. Doch dann beendet er völlig unerwartet die Beziehung zu Emma, und plötzlich ist auch Alice wie vom Erdboden verschwunden.

In ihrem Roman „Kinder ihrer Zeit“ hat Claire Winter die Nachkriegszeit vom Januar 1945 bis zum Mauerbau im Jahre 1961 thematisiert. Sie erzählt von der Zeit, in der sich die Berliner frei zwischen dem Ost- und Westteil der Stadt bewegen konnten, die zu einer Hochburg der westlichen Geheimdienste wurde. Während im Westen Flüchtlinge in den Aufnahmelagern als Spione angeworben und in den Osten zurückgeschickt wurden, hat die Stasi im Osten einen enormen Druck auf die Menschen ausgeübt, dass sie andere ausspionieren. Dem aufkommenden Wohlstand im Westen stand eine Mangelwirtschaft im Osten gegenüber, und dem sozialistischen Staat liefen die Bürger davon, von denen einige entführt und in die DDR zurückgebracht, oder sogar in die Sowjetunion verschleppt wurden.

Claire Winter hat den fiktiven Plot ihres Romans vor dem Hintergrund der realen politischen Ereignisse angesiedelt und schildert sehr authentisch das Geschehen während der Flucht aus Ostpreußen sowie die Grausamkeit der vorrückenden russischen Truppen, die eine Spur der Verwüstung hinterlassen haben. Sie prangert die damaligen Zustände in den Kinderheimen der DDR an, in denen tausende „Kriegswaisen“ untergebracht waren und gewährt Einblicke in die Aktivitäten der KgU, einer „Kampftruppe gegen Unmenschlichkeit“, die von West-Berlin aus den Widerstand gegen die SED-Diktatur in der DDR unterstützte.

Der im flüssigen Schreibstil verfasste Roman „Kinder ihrer Zeit“ wird von Claire Winter aus verschiedenen Perspektiven mehrerer Handlungspersonen erzählt und besticht durch die hervorragende Hintergrundrecherche der Autorin, die dem Leser mit einer fiktiven Handlung zeitgeschichtliche Fakten näherbringt. Der Leser erlebt das berührende Schicksal der Zwillingsschwestern Emma und Alice hautnah mit und fiebert voller Erwartung dem Ausgang der Geschichte entgegen. Eine absolute Leseempfehlung!

Kinder ihrer Zeit von Claire Winter

Kinder ihrer Zeit
Diana Verlag 2020
Hardcover mit Schutzumschlag
576 Seiten
ISBN 978-3-453-29195-9

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Bildquelle: Goldmann Verlag


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