Kinder des Aufbruchs von Claire Winter

Kinder des AufbruchsEmma Laakmann arbeitet als Dolmetscherin in West-Berlin und ist mit dem Dozenten Julius verheiratet. Sie leidet unter den Folgen einer Fehlgeburt und wünscht sich sehnlichst ein Kind. Nachdem sie in einem Waisenhaus übersetzt hat und nach Hause fahren will, hat sich ein verängstigter Junge in ihrem Auto versteckt. Emma kann Luca immerhin zur Rückkehr ins Heim überreden und verspricht ihm, ihn wieder zu besuchen. Ihre in einem Heim aufgewachsene Zwillingsschwester Alice Weiß, von der Emma nach der Flucht aus Ostpreußen lange getrennt war, hat mit Rechtsanwalt Max die achtjährige Tochter Lisa. Um ihr ein Familieneben zu ermöglichen, haben sie geheiratet, allerdings nicht aus Liebe.

Als am 2. Juni 1967 anlässlich des Schahbesuchs demonstrierende Studenten auf die Straße gehen, kann Alice mit Hilfe ihres Journalistenstatus einem Demonstranten, auf den die Polizei einprügelt, das Leben retten. Zu ihrem Erstaunen kennt sie ihn sogar: Es ist Fritz Uhlig, der wegen einem von ihr begangenen Fehler vier Jahre in der DDR inhaftiert war. Natürlich weiß er das nicht und Alice plagt das schlechte Gewissen. Über das brutale Vorgehen der Polizei gegenüber den wehrlosen und friedlich demonstrierenden Studenten zeigt sie sich entsetzt. Am nächsten Morgen folgt die schockierende Nachricht über den Tod eines Germanistikstudenten. Sofort ist Alices Interesse an einer Reportage für die Zeit über den von einem Kriminalbeamten erschossenen Benno Ohnesorg geweckt.

Eines Tages erzählt Emma ihrer Schwester, dass sie die Sängerin Irma Assmann, mit der Alice im Heim war und die in der DDR als Informantin für den KGB tätig war, getroffen hat, was Alice beunruhigt. Zu deutlich hat sie noch ihre eigene Flucht aus der DDR vor Augen. Kann ihr die einstige Freundin Irma gefährlich werden? Obwohl sie Fritz gebeten hat, sich nicht mehr bei ihr zu melden, kontaktiert er Alice erneut mit der Bitte, ihre Kontakte spielen zu lassen. Er möchte seiner Schwester Lore ebenfalls die Flucht aus Ost-Berlin ermöglichen. Trotz der Bedenken ihres Ehemannes Max kann Alice diesem den Wunsch wegen ihrer Gewissensbisse nicht abschlagen. Doch dann wird die Sängerin, die Max im Auftrag ihres jüdischen Bekannten Aaron Zimmermann in seiner Eigenschaft als Rechtsanwalt aufgesucht hat, ermordet.

Der Roman „Kinder des Aufbruchs“ umfasst die Zeitspanne von Juni 1967 bis Dezember 1968. In das reale Zeitgeschehen hat Claire Winter die fiktive Geschichte der Zwillingsschwestern Emma und Alice eingebaut. Während Emma ihrem Ehemann Julius die regelmäßigen Heimbesuche bei Luca verschweigt, trifft er sich heimlich mit einer Frau, was für Emma nur einen Rückschluss zulässt. Max und Alice leben zwar zusammen, doch ist jeder beziehungsmäßig frei, was nicht ausschließt, dass sich jeder um den anderen sorgt: Max gefällt die gefahrvolle Fluchthilfe für Fritz Schwester Lore nicht, während Alice ihrem Mann davon abrät, die von Irma Assmann gewünschte Mandantschaft anzunehmen.

Wesentlich bedeutender als diese Familienverhältnisse sind jedoch die realen und von der Autorin bestens recherchierten politischen und gesellschaftlichen Ereignisse dieser Zeit, die mit dem Schahbesuch ihren Anfang nahmen und die Claire Winter in beeindruckender Weise hat aufleben lassen. Sie schreibt von den Verhörmethoden der Stasi, den unter Einsatz des Lebens stattgefundenen Fluchtbewegungen nach dem Mauerbau und den offiziell ausgetauschten, aber oftmals von der Bundesrepublik freigekauften, in der DDR Inhaftierten, wofür nach den im Anhang gemachten Erläuterungen 3,5 Milliarden Mark geflossen sein sollen. Kritische Worte finden sich in dem intelligent aufgebauten Plot unter anderem zur Berichterstattung der Springerpresse, und natürlich finden sich dort Namen wie Rudi Dutschke, Fritz Teufel oder der Spion Heinz Felfe. Der spannende Roman, der es auf den letzten Seiten mit jedem Krimi aufnehmen kann, könnte die Geschehnisse rund um alle „Kinder des Aufbruchs“, für die diese Generation steht, nicht besser darstellen!

Kinder des Aufbruchs von Claire Winter

Kinder des Aufbruchs
Diana Verlag 2022
Hardcover mit Schutzumschlag
560 Seiten
ISBN 978-3-453-29266-6

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Bildquelle: Diana Verlag