Ada Santorini kommt auch noch nach zwei Jahren nicht über den Schmerz hinweg, ihren geliebten Mann James und ihre achtjährige Tochter Ella durch ein tragisches Unglück verloren zu haben. Als ihr Therapeut ihr von einem zu vermietenden Hausboot in Seattle erzählt, gibt die Dreiunddreißigjährige ihre Stelle als Chefredakteurin in New York auf. Sie will nur weit weg, um zu vergessen und mietet das Hausboot. Von ihrem Bootsnachbarn Alex, der als Kriegsfotograf im Sudan Schreckliches erlebt hat, hört sie zum ersten Mal von einer verschwundenen Lady, die auf ihrem Hausboot gelebt haben soll. Ada ist neugierig und möchte gerne wissen, was damals geschehen ist. Sie entdeckt auf dem Boot eine Truhe mit persönlichen Gegenständen und vermutet, dass sie der verschwundenen Frau gehörten. Mit Alex und einer Freundin von der Polizei will sie dem Geheimnis auf die Spur kommen, denn angeblich haben alle, die damit zu tun hatten, einen Pakt geschlossen und geschworen, ihr Geheimnis mit ins Grab zu nehmen. Auch Gene und Naomi, die Eltern ihres Nachbarn Jim, schweigen, obwohl sie als langjährige Bootsbesitzer etwas wissen müssten.

In zwei Handlungssträngen erzählt Sarah Jio in ihrem Roman Zimtsommer die Geschichte zweier Frauen: Einmal geht es um Ada, die aus ihrer Perspektive von der Ankunft in Seattle im Jahr 2008 berichtet, wobei sie immer wieder in Rückblicken an die glückliche Zeit mit ihrem Mann erinnert wird. Im Wechsel erfährt der Leser vom Leben der ebenfalls auf einem Hausboot lebenden Penny, die den fast doppelt so alten und unter Depressionen leidenden Maler Dexter im Jahr 1959 heiratet, von seinem Schaffen, seiner sich häufig einsam fühlenden jungen Frau und dem neuen Bootsnachbarn Collin.

In den Kapiteln, die von Penny handeln, erinnert die Autorin an Frank Sinatra, den ihre Protagonisten auf einem seiner Konzerte besuchen. Dexters berufliche Wege kreuzen die der in den 1940er und 1950er Jahren Karriere gemachten Schauspielerin Lana Turner, und in einem Restaurant begegnet er Alfred Hitchcock. Auch ist die Weltausstellung von 1962 in Seattle wiederholt ein Thema, für die das Space Needle gebaut wurde, ein Aussichtsturm mit einem drehbaren Restaurant, in dem auch die Handlungspersonen einkehren. Für einen Liebesroman eher ungewöhnlich hat Sarah Jio die Schrecken des Krieges mit in ihre Story einfließen lassen. Alex hat als Fotograf die Gräuel im Sudan dokumentiert, wovon er Ada erzählt, und wie Collin, der Penny von seiner Zeit im Koreakrieg erzählt, leidet auch er noch unter den psychischen Folgen.

Sarah Jio ist mit ihrem sowohl hinreißenden, als auch spannenden Frauenroman Zimtsommer ein Balanceakt zwischen einer zwei Liebschaften umfassenden wundervollen Liebesgeschichte geglückt, ohne dabei in schmalzige Phrasen abzudriften oder sich sonst üblicher Klischees zu bedienen. Ganz langsam, aber kontinuierlich steigert sie den Spannungsbogen, ähnlich einer Schlinge, die sich allmählich, aber bestimmt schließt. Durch den steten Wechsel der Ich-Erzählerinnen Ada und Penny steigert sie die Neugier ihrer Leser, für die der ausgefeilte Plot am Ende noch eine Überraschung bereithält. Warum erst Ada die nicht gerade unscheinbare Truhe auf dem Hausboot entdeckt, bleibt wohl ein Geheimnis. Aber dafür verrät die Autorin zwei leckere Rezepte von mit Zimt gebackenen Leckereien, von denen ihre Protagonisten gerne naschen.

Sarah Jio, Zimtsommer, Diana Verlag 2016, Taschenbuch, 367 Seiten, ISBN 978-3-453-35886-7, Preis: 9,99 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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