Fünfundfünfzig Jahre und siebzehn Tage war Marguerite mit dem Notar Henri Delorme verheiratet. Er war der einzige Mann in ihrem Leben. Am ersten Tag ihrer Ehe legte er die Regeln fest, und sie passte sich ihm an. Eine ehrenamtliche Tätigkeit, zweimal die Woche in der Stadtbibliothek, war ein Zugeständnis, denn sie sollte nicht arbeiten. Ihr einziger Sohn Frédéric wurde, als er sechs Jahre alt war, ins Internat geschickt. Sie waren ein kultiviertes Paar und ihre tadellose Ehe verlief ohne Streit und ohne Überraschungen. Doch sie war überzeugt, dass dieser aufrechte, prüde Mann sie auf seine Weise liebte. Eines Morgens ist er nicht mehr aufgewacht, ist einfach sanft entschlafen. Der Mann, der ihr Leben bestimmte, ist ihr entrissen worden und sie fragt sich, was sie jetzt mit achtundsiebzig Jahren ohne ihn anfangen soll.

Als Zwölfjähriger hat Marcel Guedj im November 1954 seine Heimat verlassen. Die Unabhängigkeitskämpfer hatten den landwirtschaftlichen Betrieb seines Vaters verwüstet und die Familie musste aus Algerien fliehen. Ihre Nachbarn brachen mit Tochter Nora ebenfalls auf. Die Überfahrt von Algier nach Marseille dauerte zwölf Stunden und in Vincennes, in der Nähe von Paris, bezogen sie eine provisorische Wohnung. Beide Familien trafen sich oft, und Marcel und Nora erkundeten die Seitengassen ihres Viertels. Nach dem Abitur an der Fachoberschule bewarb sich Marcel im Zoo von Vincennes um eine Stelle als Tierpfleger und heiratete Nora. Als das Paar mit zweiundsiebzig Jahren an einer Reise zu einem Scrabbel-Tunier nach Nizza teilnehmen, erleidet Nora beim Schwimmen im Meer einen Herzinfarkt und verstirbt.

Während einer Thermalkur in den Pyrenäen setzt sich Marcel in eine freie Liege neben Marguerite. Als die beiden ins Gespräch kommen, können sie seit langem erstmals wieder von ganzem Herzen lachen. Am nächsten Morgen lädt Marcel sie zu einem Ausflug für den Nachmittag mit seinem Peugeot ein und Marguerite sagt zu, denn Marcel macht sie neugierig. An einem Bergsee sitzen sie auf einer Bank und vor ihnen liegen die Berge in ihrer ganzen Herrlichkeit. Niemand hat Marguerite bisher einen solchen perfekten Augenblick beschert und sie empfindet Zuneigung für diesen Mann.

Und jetzt lass uns tanzen von der französischen Autorin Karine Lambert ist ein Liebesroman mit zwei außergewöhnlichen Protagonisten, die, obwohl sie bereits jenseits der Siebzig sind, sich noch einmal verlieben. Die Autorin schildert zunächst die beiden Schicksale von Marguerite und Marcel, die unterschiedlicher nicht sein könnten:
Das Leben von Marguerite wurde von Regeln bestimmt, die ihr Mann festlegte, der alle Angelegenheiten für sie erledigt hat. Die plötzlich gewonnene Freiheit durch den Tod ihres Ehemannes verunsichert sie. Doch übernimmt ihr Sohn Frédéric, der ein Ebenbild seines Vaters ist, sofort dessen Rolle, bestimmt über ihr Leben, und sie erträgt hilflos seine Bevormundung.
Marcel kann den Verlust seiner geliebten Nora nicht überwinden. Sie waren schon seit ihrer Kindheit zusammen, und sie war seine große Liebe seines Lebens. Seine Tochter Manou versucht wieder Normalität in sein Leben zu bringen, doch Marcel möchte nach seiner Fasson unglücklich sein. Die Unbeschwertheit und das Lachen fehlen ihm und er fragt sich, wie viele Jahre ihm noch bleiben.

An diesem Wendepunkt in ihrem Leben begegnen sich die beiden Protagonisten und müssen feststellen, dass sie trotz ihres hohen Alters noch wie Teenager empfinden. Karine Lambert erzählt sehr feinfühlig die Geschichte einer sich allmählich entwickelnden Liebe und von den sich daraus ergebenden Problemen. Doch am Ende überwinden Marguerite und Marcel alle Hindernisse und erleben noch viele Jahre gemeinsam, die sie mit Reisen verbringen. Und jetzt lass uns tanzen ist eine berührende Romanze über die Liebe im hohen Alter.

Karine Lambert, Und jetzt lass uns tanzen, Diana Verlag 2017, Hardcover mit Schutzumschlag, 222 Seiten, ISBN 978-3-453-29191-1, Preis: 17,99 Euro.

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Über den Autor: Michael Petrikowski

Ich lese seit über 45 Jahren Sachbücher aus unterschiedlichen Wissensgebieten und über diverse Themen. Meine große Leidenschaft gehört allerdings der zeitgenössischen Literatur, wobei mein Hauptinteresse den deutschsprachigen Autoren gilt. Erich Maria Remarque, Hans Fallada, Heinrich Böll und Günter Grass, um nur einige Autoren zu nennen, haben mich in meiner Jugend geprägt. Seit 2008 schreibe ich kurze und prägnante Buchbesprechungen über Belletristik sowie über Sachbücher zu verschiedenen Themen.

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