Seit dem Zweiten Weltkrieg ist in unserer Gesellschaft eine Veränderung in puncto Ehe und Familie zu beobachten und Singlehaushalte sind nichts Ungewöhnliches mehr. Die Diplom-Volkswirtin Marie-Luise Schwarz-Schilling hat dieses Phänomen in ihrem Buch Kampfplatz Liebe einer wissenschaftlichen Untersuchung unterzogen und die Frage aufgeworfen, wie viel Gleichberechtigung eine Partnerschaft verträgt. Um dieses komplexe Thema „lebendig“ zu gestalten und nicht nur „trocken“ darüber zu dozieren, lässt sie drei jüngere Personen zwischen 28 und 35, sowie drei ältere zwischen 55 und 59 Jahren, die sich mit Ausnahme der Gastgeberin untereinander nicht kennen und sich mit selbst gewählten, historischen Namen titulieren, darüber kontrovers diskutieren.

Elisabeth, die sich in den über ein halbes Jahr hinziehenden sechs Tafelrunden Helena nennt, schreibt historische Romane und lädt die Tänzerin Magdalena ein, die für sich den Namen Salome erwählt hat. Weiterhin kommen zu dem philosophischen Gedankenaustausch der provozierende, ehemalige Spiegelredakteur Balthasar, die Mathematikerin Hypathia, der Investmentbanker Alexander sowie Lug, ein ehemaliger Junkie, Expolizist und nunmehr Bierbrauer. Helena beginnt mit einer Einführung und will wissen, ob Männer und Frauen wirklich verschieden sind, denn schon Simone de Beauvoir hat untersucht, ob die Unterschiede angeboren oder erworben sind. Sie sprechen Emotionen an und landen unweigerlich beim Stichwort Neurologie, sie gehen der Frage nach, ob Frauen ein geringeres sexuelles Begehren als Männer haben und suchen nach Erklärungen. Und sie fragen, ob Sex überhaupt noch für eine Bindung notwendig ist, wobei sie gedanklich bis in die Steinzeit gehen, wo lediglich die Blutsverwandtschaft eine Voraussetzung war.

Beim Thema Ökonomie durchleuchten die Teilnehmer der Tafelrunde Wettbewerb sowie Leistung und sie sprechen Arbeitsmoral, Ehre, Gier und soziale Anerkennung an. Die Veränderungen in der Paarbeziehung haben dazu geführt, dass dem Einzelnen oft nicht klar ist, ob er in einer Beziehung lebt, oder nur eine Affäre hat, was eine Diskussion über Gefühle und Moral auslöst. Sie philosophieren über die Unsterblichkeit und das Bewusstsein, wie auch über einen Spruch von Immanuel Kant, in dem er den bestirnten Himmel über sich und das moralische Gesetz in sich mit Bewunderung betrachtet hat.

Marie-Luise Schwarz-Schilling ist es mit ihrer genialen Idee und Umsetzung in Gesprächsrunden tatsächlich gelungen, ein vom Thema her eher schwerfälliges Sachbuch in ein interessantes und allgemein verständliches Buch zu verwandeln, zumindest für an diesem Thema Interessierte. Sie werden viele Denkanstöße finden, weil sie sich vermutlich über einige Konsequenzen noch nie oder nur wenig Gedanken gemacht haben. Untermauert wird das wissenschaftliche Werk mit statistischen Erhebungen, die sich wie die Quellenangaben in den Anmerkungen am Ende finden.

In einer der Tafelrunden wird geäußert, dass wir die Sowjetunion nicht mehr als Außenfeind haben und die Islamisten noch nicht, was aber noch kommen könnte. Obwohl das Buch Kampfplatz Liebe erst im Jahr 2015 erschienen ist, muss die Autorin den Text schon früher geschrieben haben, da dieser Sachverhalt inzwischen von der Realität eingeholt wurde. Auffällig ist beim Aufschlagen der ersten Seiten die gewählte Großschrift, was aber im Gegensatz zum Korrektorat positiv zu werten ist, das sich beim Wort „selbstständig“ weder für die vom Duden empfohlene, noch für die alternative Schreibweise entscheiden konnte.

Marie-Luise Schwarz-Schilling, Kampfplatz Liebe, Wagner Verlag 2015, Broschur, 334 Seiten, ISBN 978-3-95630-414-9, Preis: 14,90 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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