Der zwölfjährige Lui lebt in der perfekten, hoch technisierten Welt von Isi, in der alles streng geregelt ist und selbst kleinste Vergehen, wie das Missachten der Kleiderordnung, bestraft werden. Mädchen und Jungen wachsen getrennt in Zells, kleinen Wohngruppen, auf, die von einem Vorsetzer betreut werden. In regelmäßigen Abständen müssen die Kinder in eine andere Zell wechseln, um zu verhindern, dass feste Bindungen entstehen. Doch Lui hat sich mit dem gleichaltrigen Wuck aus einer anderen Wohngruppe angefreundet, was streng verboten ist. Die beiden Jungen verabreden sich regelmäßig am Wartekiosk, um gemeinsam in einen der Vergnügungsparks zu fahren, in denen die Kinder am Nachmittag ihre Freizeit verbringen. Am Vormittag und am Abend müssen sie sich in den Zells ihrem täglichen Pensum an Lernstoff widmen, das der Vorsetzer auf jeden einzelnen Jungen abgestimmt hat.

Gelegentlich unternehmen Lui und Wuck kleine Streifzüge, wobei sie einmal tiefer in grenznahes Gelände geraten, als es erlaubt ist. Doch das Verbotene übt einen eigenartigen Reiz auf die beiden Freunde aus, und sie genießen es, sich unkontrolliert bewegen zu können. Sie wagen sich bei ihren Touren im Grenzgebiet immer weiter vor, und eines Tages überqueren sie die Grenze. Dabei entdecken sie ein ihnen befremdliches Tier: Ein kleines Fellknäuel auf vier Beinen, das sehr zutraulich ist. Sie verstecken das seltsame Wesen in der Nähe der Grenze in einem ehemaligen Unterstand und versorgen es von nun an mit Nahrung. Wann immer es ihnen möglich ist, sich unbemerkt davonzustehlen, begeben sie sich in das Grenzgebiet.

Doch dann ist Wuck plötzlich aus Isi verschwunden, und Lui beschließt, nach seinem Freund zu suchen. Mit einem perfekten Plan gelingt ihm die Flucht, und er folgt der Spur von Wuck. Nach langer Suche, die Lui durch Orte mit seltsam anmutenden Bewohnern führt, findet er seinen Freund, der völlig verstört ist und kein Wort mehr spricht. Gemeinsam machen sie sich auf den weiteren Weg und treffen auf Redlinger und Elektrickser, wobei sie einige Gefahren meistern müssen, denn die Führungsriege der Isiwelt will sie zurückholen, um sie zu bestrafen.

Der Roman Lui in der Draußenwelt von Yvonne Richter ist ein spannendes Fantasy-Abenteuer für junge Leser. Bereits auf den ersten Seiten werden sie mit der fantastischen Welt von Isi konfrontiert. Schwebende Kabinen, die als Evelos oder schnelle Räißer bezeichnet werden, behäbige Transportolos oder die edleren, schmalen Lackoritzen gleiten wie auf unsichtbaren Schienen dahin. Eine völlig neue Welt tut sich dem Leser auf, wobei die fantasievollen Bezeichnungen nicht immer erklärt werden, sondern deren Bedeutung manchmal durch den Text erfasst werden muss. Vom Verlag wird ein Lesealter von 10 bis 12 Jahren empfohlen, allerdings dürften einige Wortspielereien Zehnjährige dann doch überfordern, zumal die Protagonisten der tiefgründigen Geschichte bereits zwölf Jahre alt sind. Wer den in einem einfachen, flotten Schreibstil verfassten Roman mehrmals liest, wird immer wieder Neues entdecken und am Ende zu der Erkenntnis gelangen, dass Kinder Herausforderungen brauchen, um ihren Weg zu finden. Obwohl das Kinderbuch Lui in der Draußenwelt von Yvonne Richter vornehmlich Jungen anspricht, ist es auch Eltern zu empfehlen, die glauben, ihre Kinder müssten in einer Easywelt aufwachsen.

Yvonne Richter, Lui in der Draußenwelt, Fabulus Verlag 2016, Hardcover, 269 Seiten, ISBN 978-3-944788-18-0, Preis: 19,95 Euro.

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Über den Autor: Michael Petrikowski

Ich lese seit über 45 Jahren Sachbücher aus unterschiedlichen Wissensgebieten und über diverse Themen. Meine große Leidenschaft gehört allerdings der zeitgenössischen Literatur, wobei mein Hauptinteresse den deutschsprachigen Autoren gilt. Erich Maria Remarque, Hans Fallada, Heinrich Böll und Günter Grass, um nur einige Autoren zu nennen, haben mich in meiner Jugend geprägt. Seit 2008 schreibe ich kurze und prägnante Buchbesprechungen über Belletristik sowie über Sachbücher zu verschiedenen Themen.

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