Interview mit Jad Turjman über die Autobiografie seiner Flucht „Wenn der Jasmin auswandert“

Jad TurjmanJad Turjman wurde 1989 in Damaskus geboren, wo er bis zu seiner Flucht im Jahr 2014 gelebt hat. Während seines Studiums der englischsprachigen Literatur an der Universität von Damaskus hat er im Magistrat gearbeitet und dort den durch Krieg obdachlos gewordenen Menschen geholfen. Als er einen Einberufungsbefehl erhält, entscheidet er sich mit dem Rückhalt seiner Familie spontan zur Flucht, die ihm in Österreich ein neues Leben ermöglicht hat. Seine Erlebnisse und Eindrücke während dieser Zeit hat er in seiner Autobiographie Wenn der Jasmin auswandert zusammengefasst. Drei Jahre hat er als Asylbetreuer beim Samariterbund gearbeitet, und seit September 2018 arbeitet er als Gruppenleiter im Rahmen des Projektes Heroes, das sich gegen Unterdrückung im Namen der Ehre einsetzt.

Guten Tag Jad, oder säläm ailykum, wie es in deinem Heimatland heißt!
Wann kam dir die Idee, ein Buch über die Geschichte deiner Flucht zu schreiben? Etwa schon bei der Verabschiedung von deiner Familie, nach dem Motto: Wenn ich es schaffe, dann will ich, dass die Welt davon erfährt?

    Nein, so früh noch nicht. Damals dachte ich über alles andere nach, aber sicher nicht daran, ein Buch darüber zu schreiben. Die ersten Impulse, meine Geschichte aufzuschreiben, entstanden im Rahmen meiner Traumatherapie. Mein Therapeut schlug vor, die belastenden Erinnerungen niederzuschreiben, um mit ihnen besser umgehen zu können und sie sozusagen „neu zu verhandeln“. Damit wurde die Idee des Buches geboren.

Du hast erst am 5. November 2014 deinen Einberufungsbefehl in Händen gehalten und zwei Tage darauf deine Heimat verlassen. Wie lange dauerte deine Flucht eigentlich, denn darüber hast du in deinem Buch nichts geschrieben. Also, wann bist du in Österreich angekommen?

    Die Reise von Damaskus bis Salzburg hat gute drei Monate gedauert. Ich habe das Datum wohl immer wieder erwähnt, jedoch am Schluss bewusst darauf verzichtet, welches Datum wir konkret hatten und an welchem Tag wir uns befanden. Lediglich die Erwähnung einiger Anlässe wie Weihnachten oder Silvester sollten das signalisieren und dem Leser ein Gefühl davon vermitteln, wie das Zeitgefühl auf der Flucht verloren geht.

Von der Seite habe ich das noch gar nicht gesehen. Wenn man selbst noch nie auf der Flucht war und sich praktisch täglich neuen Herausforderungen gegenübersieht und vor allem Angst um das eigene Leben hat, ist es wahrscheinlich völlig egal, welcher Tag gerade ist.
Du hast das Buch in deutscher Sprache verfasst und, wie du selbst sagst, hast du die Zeit im Asylheim dazu genutzt, Deutsch zu lernen. Wie ist es möglich, dass du in so kurzer Zeit eine Sprache gelernt hast, was Vokabeln büffeln und eine anspruchsvolle Grammatik einschließt? Und obendrein auch noch ein völlig anderes Alphabet mit Schriftzeichen, die mit denen der semitischen Sprache nichts gemein hat. Wenn man bedenkt, dass Schulkinder über Jahre eine Sprache erlernen, grenzt das in meinen Augen an ein Wunder.

    Das als ein Wunder zu bezeichnen, halte ich für übertrieben. Ich habe die Buchstaben schon gekannt, da ich vorher Englisch und Französisch konnte. Und bekanntlich fällt das Erlernen einer Sprache um vieles leichter, wenn man bereits mehrere Sprachen spricht. Ehrlicherweise muss ich jedoch darauf hinweisen, dass ich beim Schreiben von meiner Deutschlehrerin begleitet wurde. Nach zweieinhalb Jahren fiel mir auf, wie einfach ich am Anfang geschrieben hatte – ich musste daher immer wieder von Null anfangen.

Ok – wenn es für dich kein Wunder war, dann aber eine enorme Leistung! Das wird wohl kaum jemand anders sehen.
Deine Stationen hast du minutiös in deinem Buch geschildert, konntest dich an die Namen von Mittelsmännern erinnern und daran, wann in welchem Ort welcher Bus oder Zug abgefahren ist. Hast du dir unterwegs Notizen gemacht oder alles im Nachhinein aus der Erinnerung abgerufen?

    Leider habe ich viele Namen vergessen und es war sehr mühsam, mir konkrete Einzelheiten wieder in Erinnerung zu rufen.

Das ist sicher schade und bedauerlich und wer weiß, vielleicht erinnert sich jemand an die gemeinsamen Stunden auf der Flucht mit dir und meldet sich eines Tages.
Von Bildern, die Flüchtlingstrecks nach dem Zweiten Weltkrieg zeigen, ist bekannt, dass die Menschen mehr oder weniger verwahrlost, völlig erschöpft und ausgehungert aus dem Osten in Deutschland ankamen. Das deckt sich mit den Erzählungen meiner Großeltern und vieler weiterer Personen, die das Glück hatten, die Strapazen der Flucht überstanden zu haben. Bei den Bildern, die uns das Fernsehen in letzter Zeit präsentiert, kommen die Flüchtlinge oftmals mit einem Handy in der Hand bei uns an, Männer sind rasiert und die Haare scheinen frisch geschnitten. Dass Flüchtlinge, wenn man die einmal außen vorlässt, die von einem Schlauchboot auf dem offenen Meer in Empfang genommen werden, einen dermaßen gepflegten Eindruck machen, irritiert immer wieder einige unserer Landsleute. Wie mir scheint, müssen wir heutzutage aber einen anderen Maßstab anlegen und können die Zeiten nicht miteinander vergleichen. Wenn ich dich richtig verstanden habe, hast du extra Kleidung eingepackt und die unterwegs geschont, um in deiner neuen Heimat einen möglichst guten Eindruck zu hinterlassen. War das so?

    Die Frage macht mich traurig und betroffen. Stell dir vor, dass du dein Haus morgen verlassen müsstest. Was nimmst du mit? Das Handy, um den Weg zu finden und um mit den Zurückgebliebenen Kontakt halten zu können und natürlich Geld beziehungsweise eine Kreditkarte, um Kleidung und Essen kaufen zu können, oder? Ist die Technologie ein Vorrecht der Europäer? Ich habe bei der Überfahrt über das Meer keine gepflegten Flüchtlinge gesehen…
    Ich möchte auch klarstellen, dass wir vorher nicht im Zelt gelebt haben. Die Zeiten haben sich geändert und die Fluchtmechanismen sind heutzutage sicher anders. Wir sollten doch froh sein, dass die Betroffenen vom Krieg in Syrien einigermaßen „bessere“ Umstände bei der Flucht haben, als die Betroffenen des Zweiten Weltkriegs.

Nein, natürlich sind Technologien kein Vorrecht der Europäer. Sämtliche Errungenschaften sollten allen Menschen zugänglich sein. Für mich persönlich sind alle Menschen gleich, und das meine ich wirklich auch so! Mich würde es heute gar nicht geben, wenn meine Vorfahren nicht nach Deutschland gekommen wären. Es war ganz bestimmt nicht meine Absicht, dich traurig oder betroffen zu stimmen. Aber auch meine Generation, die den Krieg und Vertreibung nur aus Erzählungen der Eltern kennt, muss das alles lernen zu verstehen und gerade deshalb ist es so wichtig, dass du den Mut gefunden hast, als Betroffener deine Erlebnisse auf der Flucht in einem Buch festzuhalten.
Die Frage, ob deine Entscheidung für die Flucht richtig war, erübrigt sich. Denn du hattest ja, wie du deutlich gemacht hast, gar keine Wahl, wenn du überleben wolltest. Aber gibt es etwas, das du anders machen würdest? Wenn du dich noch einmal auf den Weg machen könntest, würde der Weg ein anderer sein? Würdest du wieder zwei Koffer packen, die dich nur behindert haben und von denen du dich trennen musstest?

    Ich würde, ehrlich gesagt, gar nichts mitnehmen. Aber mit dieser Frage beschäftige ich mich ohnehin nicht. Ich habe gelernt, die Vergangenheit auf sich beruhen zu lassen und mich an dem Hier und Jetzt zu orientieren.

Das ist wahrscheinlich auch das Vernünftigste.
Selbst hast du von den Ratschlägen profitiert, die andere auf ihrer Flucht auf Facebook gepostet haben. Welchen Ratschlag hältst du für die Flüchtlinge bereit, die sich auf einen Weg mit unbekanntem Ziel machen?

    Ich würde ihnen alles von meiner Reise erzählen, damit sie nicht dieselben Fehler wie ich machen.

Hast du noch Kontakt zu den Landsleuten, denen du auf deiner Flucht begegnet bist und die dich begleitet haben? Was ist aus ihnen geworden?

    Ja schon, Kito und Ammar sind in Köln und Essen. Sie besuchen mich und ich sie. Kito hat einen Job als Verkäufer bei Lidl und Ammar ist Techniker.

Auf deiner Facebookseite bist du in der Kluft der Samariter Österreich zu sehen. Bist du dieser Hilfsorganisation beigetreten, um anderen Menschen helfen zu wollen?

    Mit Menschen zu arbeiten, ist sehr bereichernd. Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte. Man lernt viel. Und Menschen in schwierigen Zeiten zu helfen, ist aus meiner Sicht etwas, das uns als Menschen ausmacht. Ich habe die Ausbildung zum Rettungssanitäter beim Samariterbund gemacht und jetzt bin ich ehrenamtlich tätig.

Meine letzte Frage zielt darauf, ob es eine Fortsetzung deiner Autobiographie geben wird. Für viele Leser wäre sicherlich auch interessant zu wissen, wie du in Österreich Fuß gefasst hast. Welche Erfahrungen, sowohl gute, durch hilfsbereite Menschen, wie auch schlechte, vielleicht durch Hassparolen, du gesammelt hast, wie du damit umgegangen bist und was sie bei dir ausgelöst haben. Wie ergeht es deiner Familie, von der du dich Hals über Kopf verabschieden musstest? Haben sie unter deiner Flucht in Form von Repressalien zu leiden? Gibt es Brüder, Cousins oder andere Familienmitglieder, denen ebenfalls ein Einberufungsbefehl ins Haus steht? Werden all diese Fragen in einem weiteren Buch eine Antwort finden?

    Ob es zu einem zweiten Buch kommt, kann ich noch nicht sagen. Mal sehen… Aber sollte es so sein, dann werden diese Fragen sicher beantwortet. Meiner Familie geht es soweit gut, sie müssen unter keinerlei Repressalien leiden.

Das freut mich zu hören!
Shukran, danke, für deine Bereitschaft zu diesem Interview und alles Glück der Welt für deinen weiteren Lebensweg!


Bildquelle: Jad Turjman, Foto © Foto Flausen

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