Es ist zwei Uhr in der Nacht, als die Journalistin Maria Grappa von der Bäckereibesitzerin Anneliese Schmitz auf einen Spielplatz in eine ehemalige Zechensiedlung gerufen wird. Dort sitzt eine Muslima im Sand und schaukelt den Körper eines kleinen, toten Mädchens. Wie die Ermittlungen ergeben, wurde die zweijährige Öslem erstickt. Doch die neunzehnjährige Mutter Duru Sahin steht unter Schock und ist nur eingeschränkt vernehmungsfähig. Es wird ein Haftbefehl wegen Mordes gegen sie erlassen, und sie wird in einer geschlossenen, psychiatrischen Klinik untergebracht. Von dem befreundeten Friedemann Kleist, der wegen einer Tagung zum Thema islamischer Terrorismus in der Stadt ist, erfährt Grappa, dass die neunzehnjährige Duru vor zwei Jahren ihr Abitur abgebrochen hat und nach Syrien gereist ist, um einen IS-Kämpfer zu heiraten. Der Vater des Kindes, der gesuchte Terrorist Ali Musa, soll sich in Deutschland aufhalten und sich unter den Flüchtlingen aus Syrien befinden. Die Behörden befürchten einen Anschlag.

Bei einem Gespräch mit Perihan Tercanli, einer Freundin von Duru, erfährt Grappa, wie sich die junge Muslima in den letzten Jahren verändert hat. Ihr Vater ist ein Imam und Vorsitzender der muslimischen Gemeinde. Im Integrationsrat der Stadt kümmert er sich um ein friedvolles Miteinander der verschiedenen Kulturen. Doch als seine Tochter Duru mit der kleinen Öslem aus Aleppo zurückgekehrt ist, hat er sie abgewiesen, und die Familie von Perihan hat sie aufgenommen. Als Grappa darüber berichtet, streicht der Chefredakteur einige wichtige Passagen aus ihrem Artikel, um die Operationen der Sicherheitsbehörden nicht zu gefährden, behauptet er. Doch die Journalistin packt die Wut, denn sie empfindet diesen Eingriff in ihre Arbeit als Zensur, zumal der Chefredakteur zuvor vom Oberbürgermeister zu einer Geheimkonferenz zitiert wurde. Deshalb verbreitet sie den ungekürzten Bericht über ihre Follower bei Facebook.

Ein aktuelles, brisantes Thema hat Gabriella Wollenhaupt für den 26. Fall der Journalistin Maria Grappa ausgewählt. Dabei bewegt sich die Autorin auf einem schmalen Grad, der ihr einen kritischen Blick auf den Islam erlaubt, ohne dabei den rechten Populisten gleich Auftrieb zu geben, denn auch der braune Mob kommt in ihrem Kriminalroman Grappa greift durch nicht ungeschoren davon. Die Handlung ist im Ruhrgebiet in dem fiktiven Ort Bierstadt angesiedelt, wobei die Autorin aktuelle Ereignisse wie die Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof oder die Vorkommnisse im Bornheimer Hallenbad in dem Plot verarbeitet hat. Meisterhaft bringt die Autorin ihre ironischen Bemerkungen in nur wenigen Zeilen unter, und so erfährt der Leser, dass die meisten Aktionen, mit denen die NSA die Welt beglückt, in Deutschland ohnehin verboten sind und Religionen eine Menschheitsgeißel sein können, wenn sie falsch interpretiert werden. Der gesellschaftskritische Roman Grappa greift durch wirft einige Fragen über tolerante Muslime und radikale Salafisten, sowie handlungsunfähige Politiker auf, die den rechten Populisten weiteren Zulauf verschaffen und wirkt deshalb noch lange nach.

Gabriella Wollenhaupt, Grappa greift durch, Grafit Verlag 2016, Taschenbuch, 220 Seiten, ISBN 978-3-89425-468-1. Preis: 10,00 Euro.

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Über den Autor: Michael Petrikowski

Ich lese seit über 45 Jahren Sachbücher aus unterschiedlichen Wissensgebieten und über diverse Themen. Meine große Leidenschaft gehört allerdings der zeitgenössischen Literatur, wobei mein Hauptinteresse den deutschsprachigen Autoren gilt. Erich Maria Remarque, Hans Fallada, Heinrich Böll und Günter Grass, um nur einige Autoren zu nennen, haben mich in meiner Jugend geprägt. Seit 2008 schreibe ich kurze und prägnante Buchbesprechungen über Belletristik sowie über Sachbücher zu verschiedenen Themen.

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