Für das Jahr 2009 listet das statistische Bundesamt 11634 Pflegeheime und 12026 ambulante Pflegedienste. Die in jenem Jahr zu pflegenden 2,3 Millionen Menschen könnten bis 2030 sogar noch auf 3,4 Millionen ansteigen. Lucie Flebbe hat in ihrem Kriminalroman 77 Tage genau diese Menschen, die sich nur noch eingeschränkt selbst versorgen können, in den Mittelpunkt gerückt.

Die 20-jährige Lila Ziegler ist vor einem halben Jahr zu ihrem Arbeitgeber und Lebenspartner Ben Danner nach Bochum gezogen. Zusammen betreiben sie ein Detektivbüro, von deren Einnahmen sie aber kaum die Miete zahlen können. Da kommt ihnen ein neuer Auftrag gerade recht: Der kaufmännischen Leiterin des ambulanten Pflegedienstes Sonnenschein ist aufgefallen, dass in ihrem Bezirk die Zahl der Todesfälle 20 Prozent über dem Durchschnitt liegt, wofür es keine Erklärung gibt. Lila und Ben nehmen verdeckte Ermittlungen auf und begleiten die ambulanten Pflegekräfte bei ihren Hausbesuchen. Die Frage, wer vom Tod der Alten profitiert, ist von entscheidender Bedeutung. Deshalb überprüfen sie zunächst die Namenslisten der Verstorbenen, wobei ihnen nichts Auffälliges ins Auge sticht. Weder die Teamleiterin Anna Willms, die stellvertretende Leiterin Hedi Sundermann, die Pflegekräfte, zu denen auch ein Mann zählt, noch eine Türkin oder eine der Leiharbeiterinnen macht sich verdächtig. Lila stößt auf einen Blog im Internet und stellt anhand der Verlinkungen fest, dass zumindest einige der Pflegekräfte des Hauses Sonnenschein zu den bloggergirls gehören. Besonders Bellas Blog gilt ihre Aufmerksamkeit, doch kann Lila keine Pflegerin diesem Blog zuordnen. Die Ermittlungen scheinen im Sande zu verlaufen, als Lila plötzlich ein Licht aufgeht.

Lucie Flebbe hat die Protagonistin Lila in der Ich-Form erzählen lassen. Im Wechsel sind Kapitel von Bellas Blog eingefügt, die sich darin über Höhen und Tiefen ihrer Ehe auslässt. Die Person der sehr authentisch wirkenden Lila kommt total locker daher. Den Bedürftigen gibt sie Namen wie Pippi Langstrumpf oder Giftspritze und mit ihren Äußerungen und Gedanken hält sie der Leser für einen leicht flippigen Typ. Wie ihr Partner Ben hat auch sie Probleme, die in ihrem Elternhaus wurzeln. Es fällt ihr genau wie Ben schwer, über ihre Probleme zu reden und gerade dadurch ergeben sich weitere Probleme.

Die Autorin vermittelt einen realistischen Eindruck von der Arbeit der Pflegekräfte, zu denen selbst das Wickeln gehört. Im Alltag werden die Patienten häufig mit Medikamenten ruhig gestellt und bei den festgelegten Sätzen der Pflegeeinrichtungen ist sogar die Badezeit vorgegeben, um ökonomisch arbeiten zu können. Jedem Leser, der es noch nicht wusste, ist spätestens jetzt klar, dass Kinder gegenüber ihren Eltern bei einer Heimunterbringung unterhaltspflichtig sind. Lucie Flebbe spricht weiterhin auch ganz offen das Thema Homosexualität an, stellt den Sinn einer Eheberatung infrage, weist auf die geringere Bezahlung von Leiharbeitern hin und macht auf türkische Traditionen aufmerksam, nach denen schon die minderjährigen Mädchen einem Mann versprochen werden. 77 Tage informiert und fesselt gleichermaßen und hebt sich damit deutlich von der Masse der Kriminalromane ab.

Lucie Flebbe, 77 Tage, Grafit Verlag 2012, kartoniert, 255 Seiten, ISBN 978-3-89425-411-7, Preis: 9,99 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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