Im Zentralbüro des Himmels herrscht aus gutem Grund eine gewisse Unruhe, denn Gott kehrt aus seinem einwöchigen Urlaub zurück. Auch in der Ewigkeit vergeht die Zeit, nur sehr viel langsamer, denn im Unterschied zur irdischen Zeit entspricht ein Tag im Himmel etwa siebenundfünfzig Erdenjahren. Als Gott in seinen Urlaub aufbrach, war auf der Erde gerade einmal das Jahr 1609, eine Epoche, die ihm enorme Freude bereitete. Als er gut erholt von seiner Reise in die entlegene himmlische Provinz zurückkehrt, schreibt man auf der Erde das Jahr 2011 und es sind über vierhundert Jahre vergangen, die nicht gerade ereignisarm waren. Gott benötigt einen ganzen Vormittag, um sich über Kriege, Gräueltaten und den moralischen Verfall der Menschen auf den neuesten Stand zu bringen.

Nachdem sich Gott einen Überblick verschafft hat, fragt er sich, wie das alles dermaßen aus dem Ruder laufen konnte. Von seiner persönlichen Assistentin will er wissen, wo denn sein Sohn Jesus steckt, der gerade mit Jimi Hendrix Gitarre spielt und einen Joint raucht, und der während der Abwesenheit seines Vaters nach dem Rechten sehen sollte. Gott macht ihm Vorwürfe, dass die Menschen auf dem besten Weg sind sich selber zu zerstören. Kurzerhand werden die leitenden Heiligen Petrus, Matthäus, Andreas und Johannes in den Konferenzraum berufen, denn Gott will wissen, was da unten mit den Christen los ist. Er beschließt, sein Sohn Jesus muss noch einmal auf die Erde zurückkehren, um den Menschen ihre Fehler aufzuzeigen und Liebe, Toleranz, Gerechtigkeit und Gnade zu predigen.

In New York versucht Jesus, sich mit einer Band, die einen Plattenvertrag bekommen hat, in Clubs durchzuschlagen, denn das Album wird von den Radiosendern nicht gespielt. Mit dem Schlagzeuger Morgan, der als Aushilfe in einem Schnellrestaurant beschäftigt ist und dem Bassisten Kris, der in der Nacht arbeitet, teilt sich Jesus ein dreißig Quadratmeter großes Zweizimmerapartment. Er hat sich das wesentlich einfacher vorgestellt, und als seine Musikkarriere im Sande zu verlaufen scheint, hilft er einigen Außenseitern der Gesellschaft und gibt ihnen neue Hoffnung. Bei dem gemeinsamen Versuch, ein paar noch einwandfreie Lebensmittel aus dem Müllcontainer eines Supermarktes zu ergattern, landet Jesus im Gefängnis. Um die Kaution stellen zu können, muss Morgan eine Gitarre in der Pfandleihe versetzen, denn Abends gibt es eine kleine Feier für Kris, der dreißig geworden ist. Am nächsten Morgen entdeckt Kris ein Plakat, das er als ein Zeichen Gottes deutet. Die beliebte Show „American Pop Star“ startet das Casting für die dritte Staffel, und der Gewinner erhält einen Plattenvertrag über eine Million Dollar. Schnell sind sich alle einig, dass Jesus an dem Casting teilnehmen soll, um die Show zu gewinnen.

Einen Gott, der die Schwuchteln und die Schwarzen liebt, Whiskey trinkt oder einen Joint raucht, gibt es wohl nur in John Nivens Buch Gott bewahre. Die gesamte Handlung erscheint zunächst vollkommen durchgeknallt, doch schnell wird klar, dass es sich um einen gesellschaftskritischen Roman handelt. Da prügeln sich Hitler und Reagan in einem Restaurant in der Hölle um das Trinkgeld. Aber auch die Hinrichtung von Homosexuellen im islamischen Fundamentalismus und das Steinigen und Auspeitschen von Menschen sind genauso ein Thema, wie das, was die „beschissenen Christen“ auf der Erde treiben. Ob das Ozonloch oder die Verschmutzung der Weltmeere, oft sind kritische Anmerkungen in nur einem einzigen Satz zu finden. Da John Niven mehrere Jahre bei einer Plattenfirma gearbeitet hat, spielt natürlich auch die Musik in dem Roman eine Rolle. So wird die Castingshow „American Pop Star“ nicht nur kritisch, sondern geradezu satirisch betrachtet. Gott bewahre wurde in einem flotten, lockeren Schreibstil verfasst und bietet skurrilen Humor mit Tiefgang. Der Roman ist ein Plädoyer für mehr Toleranz und Mitgefühl gegenüber den Außenseitern unserer Gesellschaft, denn Gottes einziges Gebot lautet „Seid lieb“.

John Niven, Gott bewahre, Heyne Verlag 2012, Taschenbuch, 400 Seiten, ISBN 978-3-453-67633-6, Preis: 9,99 Euro.

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Über den Autor: Michael Petrikowski

Ich lese seit über 45 Jahren Sachbücher aus unterschiedlichen Wissensgebieten und über diverse Themen. Meine große Leidenschaft gehört allerdings der zeitgenössischen Literatur, wobei mein Hauptinteresse den deutschsprachigen Autoren gilt. Erich Maria Remarque, Hans Fallada, Heinrich Böll und Günter Grass, um nur einige Autoren zu nennen, haben mich in meiner Jugend geprägt. Seit 2008 schreibe ich kurze und prägnante Buchbesprechungen über Belletristik sowie über Sachbücher zu verschiedenen Themen.

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