Mit dem Begriff Faszien-Taping werden nicht viele etwas verbinden können. Deshalb erklärt Robert Kirsten in seinem Ratgeber, das eine wirksame Selbsthilfe bei Muskel- und Gelenkschmerzen verspricht, zunächst einmal, dass unter Faszien das Bindegewebe zu verstehen und ein Tape nichts anderes als ein Band oder Streifen ist. Selbst die Griechen, so schreibt er, hätten bereits in Harz getränkte Stoffbänder verwendet. Die heute in vielerlei Farben erhältlichen Tapes finden bei Verletzungen der Knochen, Bänder, Kapseln und Sehnen zur Fixierung und Immobilisierung Anwendung, wobei der Autor einen Placeboeffekt ausschließt.

Schmerzen, so führt er verständlich aus, treten nicht unbedingt immer da auf, wo auch ihre Ursache zu finden ist. Wegen der in unserem Rückenmark angelegten Nerven können Schmerzen im Bereich der Wirbelsäule empfunden werden, die von einem unserer Organe ausgehen. In diesem Zusammenhang weist er auf ein interessantes und zugleich verblüffendes Phänomen hin: Die in der Wirbelsäule befindlichen Schlüsselneuronen, sprich Nervenzellen, transportieren ein Schmerzsignal langsamer als den Reiz, der von einem angelegten Tape ausgeht, so dass die Schmerzwahrnehmung überlagert wird und stattdessen eine Bewegungsfreiheit eintritt.

Gut nachvollziehbar und ausführlich erklärt er die myofaszialen Netzwerke, worunter unsere Muskeln und die umhüllenden Faszien verstanden werden, anhand dargestellter Linien in Abbildungen des menschlichen Körpers. Robert Kirsten führt Dehnübungen aus, die einige bereits vom Yoga her kennen, bevor er sich schließlich dem eigentlichen Tapen widmet. Er schreibt, was dabei beachtet werden muss und wie die Tapes genau bei den verschiedensten Beschwerden gesetzt werden müssen, was er jeweils mit den Text unterstützenden Abbildungen ergänzt. Die Themen reichen von Spannungen im Bereich des Zwerchfells; Lendenwirbel, zu dem auch die Entlastung des Ischiasnerves gehört; Beckenboden; Brustwirbelsäule; Schulter; Nacken; Halswirbelsäule bei Kopfschmerzen; Schulter; Arm; Ellenbogen; Unterarm; Becken- und Hüftregion; Gesäß; Bein; reichen bis zum Knie, das häufig durch Verschleiß oder Abnutzung zu Beschwerden führt und enden bei den Füßen. Selbst bei Herzbeschwerden soll ein Tape in Form eines Faszienkreuzes helfen, allerdings muss zuvor eine kardiologische Untersuchung stattgefunden haben, und auch bei Atem-, Magen- und Verdauungsbeschwerden soll ein Tape hilfreich sein.

Auf den ersten Blick erscheint die Anbringung eines Tapes einfach, doch erfordern einige Anwendungen sicher ein wenig praktische Erfahrung. Schwieriger wird es bei der wirksamen Selbsthilfe bei Muskel- und Gelenkschmerzen, die das Buch verspricht, nämlich immer dann, wenn es in der Überschrift heißt: „Manchmal liegt die Ursache auch woanders“. Ein Laie wird die woanders liegende Ursache kaum ausfindig machen können oder erst gar nicht ahnen, dass die Ursache nicht dort zu suchen ist, wo es ihn schmerzt. In dem Fall könnte wahrscheinlich nur ein Heilpraktiker wie Robert Kirsten helfen. Leider ist der Autor auf dieses Problem und den damit auf den Patienten zukommenden möglichen Kosten nicht eingegangen, da zumindest die gesetzlichen Krankenkassen vermutlich nicht dafür aufkommen.

Schmerzhafte oder gar unmöglich auszuführende Kopfdrehungen sind natürlich lästig und wer sie schon einmal unbehandelt ausgestanden hat, weiß, dass bis zur völligen Schmerzfreiheit Wochen vergehen können. Da lohnt sich ein Versuch mit einem Tape ganz sicher, zumal diese Behandlung keinerlei Nebenwirkungen zu haben scheint. Oder auch bei den häufig auftretenden Schultergelenksschmerzen, ausgehend von der Rotatorenmanschette, die den Kopf des Oberarmknochens in der Gelenkpfanne hält. Nicht selten raten die Ärzte bei einer Beteiligung der zur Rotatorenmanschette gehörenden Supraspinatussehne zu einer Operation. Wenn die Beschwerden auf eine so einfache Art wie die Anbringung eines Tapes beseitigt werden können, wäre das sehr zu begrüßen und der Ratgeber Faszien-Taping von Robert Kirsten somit auch wirklich zu empfehlen.

Robert Kirsten, Faszien-Taping, Südwest Verlag 2016, Klappenbroschur, 144 Seiten, ISBN 978-3-517-09428-1, Preis: 16,99 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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