Was sagt der bei einer Blutuntersuchung im Normbereich liegende Wert für Kalzium aus, wenn es zuvor den Knochen entzogen wurde, um zumindest Gehirn und Herz zu versorgen? Für den Arzt scheint damit alles in bester Ordnung zu sein, der Patient wähnt sich in falscher Sicherheit, obwohl definitiv ein Kalziummangel vorliegt. Das ist nur ein Beispiel, mit dem Miryam Muhm in ihrem Sachbuch Die Blutwert-Lüge eindrucksvoll deutlich macht, dass hier lediglich der Gehalt im Blut gemessen wird, aber nicht das in den Organen tatsächlich vorhandene Element, wobei unzählige Störfaktoren bei der Blutabnahme selbst, die von der Autorin natürlich auch genauestens aufgelistet werden, noch keine Beachtung finden. Nach viel versprechenden, ganz aktuellen Forschungen können Diagnosen anhand unserer Atemluft gestellt werden oder selbst der ausgeschiedene Urin liefert für den zahlungskräftigen Patienten verlässlichere Werte als das Blut.

Die Autorin macht deutlich, wie ein Eisenmangel entstehen kann, dass er vielerlei Ursachen hat und stellt in diesem Zusammenhang die Frage, ob Ferritin überhaupt zur Bestimmung herangezogen werden kann. Für die meisten Menschen ist der sich über Jahrhunderte erhaltene Brauch befremdlich, Lehm und Erde zu essen, der diesen Mangel ausgleicht und der heute allenfalls noch in Afrika toleriert wird. Es werden die Symptome eines Eisenmangels aufgelistet und was die Aufnahme begünstigt bzw. verhindert, was wiederum die Ausschüttung von TSH beeinflusst, das Thyreodea-stimulierende Hormon. Die Grenzwerte dieses Hormons, das bereits bei einer leichten Unterfunktion der Schilddrüse ein erhöhtes Herzinfarktrisiko birgt, scheint man interessanterweise bei Frauen mit Kinderwunsch anders zu gewichten, was natürlich die Frage aufwirft, warum diese Grenzwerte nicht für alle gelten und generell dem tatsächlichen Bedarf angepasst werden.

Herzprobleme, so weiß Miryam Muhm zu berichten, wurden bis in die 1950er Jahre ganz einfach mit Jod therapiert. Ein Mangel kann für Brust- oder Magenkrebs verantwortlich sein, während es präventiv vor der Entstehung schützt. Ausführlich geht sie auf die Vitamine B 1 und B 12 ein, die resultierenden Symptome bei einer Unterversorgung und wodurch ihre Aufnahme gehemmt wird. Werden wir mit diesen Vitaminen nicht ausreichend versorgt, was häufig der Fall ist, drohen Parkinson und Osteoporose, die sich bekanntlich ebenfalls bei einem Kalziummangel entwickelt. Kalzium kann aber vom Körper nur in ausreichender Menge aufgenommen werden, wenn genug Vitamin D zur Verfügung steht, was bei einem Mangel wiederum ADHS begünstigt. Beimengungen von Phosphat in Lebensmitteln und Getränken unterdrücken die Aufnahme dieses Vitamins und Sonnenschutzmittel verhindern obendrein, dass der Körper Vitamin D selbst bilden kann. Als Folge breitet sich Rachitis aus.

Krankheiten wie Bauchspeicheldrüsenkrebs und Altersdiabetes gehen demnach auf das Konto von Unterversorgungen mit einem der genannten Stoffe, womöglich auch Allergien und Asthma. Jeder sollte unbedingt auf erste Symptome eines beginnenden Diabetes achten, der Herz-Kreislauf-Erkrankungen zur Folge haben kann, wenn die Krankheit im Schnitt erst 8 bis 10 Jahre nach Ausbruch festgestellt wird. Das komplexe Ineinandergreifen vieler lebensnotwendiger Stoffe kann schon bei nur einem einzigen Mangel Depressionen auslösen. Zu jedem Kapitel stellt die Autorin grundsätzlich die Frage nach den geltenden und willkürlich gesetzten Grenzwerten. Eine Neudefinition der Normwerte für Eisen, Jod, Kalzium und die B-Vitamine sind dringend erforderlich, ganz besonders für die Schilddrüsenhormone, deren Referenzwert bereits seit 1997 strittig ist. Ärzte sollten sich nicht nur auf die Laborwerte verlassen und die Beschwerden ihrer Patienten nicht auf vermutete psychosomatische Ursachen schieben.

Die Journalistin Miryam Muhm hat sich auf medizinische und naturwissenschaftliche Themen spezialisiert und nach umfangreichen Recherchen ein sachliches, fundiertes, für den Laien verständliches Buch geschrieben, das mit zahlreichen Anmerkungen untermauert ist. Sie stellt anhand von Fallbeispielen Patienten vor, die sich von ihrem Arzt allein gelassen fühlten und sich deshalb aus dem Internet oftmals erstaunlich fundierte Ratschläge geholt haben. Das Buch Die Blutwert-Lüge macht deutlich, wie Ärzte aufgrund verschiedener Ursachen falsche Diagnosen mit fatalen Folgen für den Patienten stellen. Aus Angst vor juristischen Konsequenzen oder auch einfach aus Unwissenheit aufgrund mangelnder Fortbildung therapieren sie lediglich die Ausfallerscheinungen als Folge eines Mangels, anstelle der ursächlich zugrunde liegenden Krankheit. Mit der Behebung einer dieser Mängel wäre sicher auch der steigenden Zahl Demenzkranker geholfen. Medizin ist keine exakte Wissenschaft, so betont die Autorin mehrmals, und es bleibt zu hoffen, dass dieses wichtige Buch Anlass für die entsprechenden Ausschüsse ist, sich dieser Problematik zu stellen.

Miryam Muhm, Die Blutwert-Lüge, Europa Verlag 2016, Broschur, 340 Seiten, ISBN 978-3-95890-054-7, Preis: 18,99 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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