Durch das Buch Das sieht aber gar nicht gut aus von Werner Bartens erfährt der Leser unmissverständlich, wie es zwischen Arzt und Patient schnell zu Missverständnissen kommen kann und was ein Arzt mit seiner Aussage wirklich ausdrücken will. Ganz entscheidend für einen Krankheitsverlauf sind ein gutes Arzt-Patienten-Verhältnis sowie eine positive Erwartungshaltung. So muss es nicht zwangsläufig bei jedem mit erhöhten Cholesterinwerten zu gesundheitlichen Problemen kommen. Durch Rationalisierungen in den Krankenhäusern ist vieles auf der Strecke geblieben und der Arzt befindet sich oft in einem Dilemma, wenn er ein vorgeschriebenes Aufklärungsgespräch führen muss. Zu den Tumormarkern führt der Autor aus, dass einige überhaupt keinen Sinn machen und nicht aussagekräftig sind. Kritisch sieht er, wenn beispielsweise eine Studie über das Brustkrebsgen BRCA1 in der Fachliteratur mehr als eintausend mal zitiert wird, hingegen eine spätere, relativierende Studie nur sechsundzwanzig mal. Unter dem Gesichtspunkt der Meinungsmache ist auch in seinen Augen die Prostata-Krebsvorsorge in einem kritischen Licht zu sehen, wie überhaupt eine Früherkennung nur bei ganz wenigen Krebsarten Aussicht auf Erfolg verspricht. Die Folgen können in einigen Fällen mehr schaden als nutzen und die Bedeutung einer Vorsorge reduziert sich darauf, dass lediglich die Sorgen vorverlegt werden.

Zum Thema einer Schwangerschaft und der Frage nach einem behinderten Kind stellt Werner Bartens die Frage, wo eine Behinderung anfängt. Er weist darauf hin, dass ähnlich klingende Namen wie ante und anti oder hyper und hypo sowohl bei den Ärzten, als auch bei den Patienten für Verwirrung und falsche Schlussfolgerungen führen können. So kann auch ein „negativer Befund“, der eine gute Nachricht verheißt, vom Patienten als das Gegenteil verstanden werden. Den Leser erwarten in dem Buch interessante Ergebnisse aus der Placeboforschung: Dass sogar der Glaube, sterben zu müssen, ausreicht, belegt der Autor an einem aufschlussreichen, aber ebenso grausamen Experiment und er weist immer wieder auf die Bedeutung des Dopamin-Systems in Form positiver Gedanken für das Schmerzempfinden hin.

Auch wenn Werner Bartens selbst ein Medizin-Studium absolviert hat, so geht er nicht zimperlich mit diesem Berufsstand um. Die Ärzte bezeichnet er als „moderne Hexenmeister“, die oft genug „diffamierend und verletzend“ sind und sich gerne privat Zusatzleistungen bezahlen lassen, die selten dem Patienten von Nutzen sind. Ironisch schreibt er von Gesprächen zwischen Krankenhausdirektoren und Controllern, nachdem Computertomographen mit Münzeinwurf geplant sind. Der Autor stellt auch die Frage, ob ein Mensch für etwas mehr Leben die Strapazen einer Chemotherapie auf sich nehmen sollte und macht deutlich, dass niemand vorhersagen kann, wie lange ein Mensch mit einer Krankheit noch lebt. Denn Statistiken sind hier wenig aussagekräftig. Werner Bartens endet mit Tipps für den Arztbesuch und mit dem Satz, dass schlechte Ärzte alles besser wissen. Wer nun glaubt, noch nicht alles besser zu wissen, sollte sich unbedingt das Buch Das sieht aber gar nicht gut aus zulegen, denn es bietet ein gutes Lektorat und die Erkenntnis: Wer nicht allen Empfehlungen der Ärzte folgt, kann mehr Lebensqualität erlangen.

Werner Bartens, Das sieht aber gar nicht gut aus, Pantheon Verlag 2013, Klappenbroschur, 160 Seiten, ISBN 978-3-570-55232-2, Preis: 12,99 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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