Es ist keine Satire, wenn Frank Wittig in seinem Buch Krank durch Früherkennung behauptet, dass der Mensch durch die Wahrnehmung der Vorsorgeuntersuchungen in der Regel nicht länger lebt, sondern lediglich früher mit einer ihn traumatisierenden Diagnose konfrontiert wird. Bereits in seiner Einleitung spricht er von einer Überdiagnose, unter der er eine im Leben nicht weiter in Erscheinung tretende Krankheit versteht und der er sich schon in seinem Buch Die weiße Mafia ausführlich gewidmet hat.

Studien zum Nutzen und Schaden des Mammographie-Screenings, das nach seiner Auffassung lediglich eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme der Radiologen ist, seziert er quasi und rät allenfalls vorbelasteten Frauen zur Abklärung durch MR-Tomographie oder Ultraschall. Im Zusammenhang mit dem als Unsinn bezeichneten PSA-Test zur Früherkennung des Prostatakrebses geht der Autor der Frage nach, wie viel Krebs als normal gelten kann und stellt die gültigen Grenzwerte zur Diskussion, wobei er auch das Dilemma anspricht, vor dem Histologen stehen. Er geht der grundsätzlichen Frage nach, was Krebs überhaupt ist. Früherkennung ist oftmals nicht mehr als eine „Kaffeesatzleserei“, und das Hautkrebs-Screening, deren Einführung auf Grundlage einer nie veröffentlichten Studie basieren soll, gleicht einem „Wirtschaftskrimi“, da der Vorsitzende des Ausschusses identisch mit der Person ist, die für die Studie verantwortlich zeichnet.

Auch die Bilanz zum „Check-up 35“ fällt vernichtend aus. Untersucht wird unter anderem auf Cholesterin, dem ein Mythos anhaftet und das zu Unrecht verteufelt wird. Frank Wittig führt aus, an welchen lebenswichtigen Prozessen Cholesterin beteiligt ist und deckt erschreckende Ergebnisse bezüglich der willkürlich festgelegten Grenzwerte auf. Dasselbe Dilemma zeigt sich auch bei den abgesenkten Grenzwerten zum Blutzucker und auch Bluthochdruck, wodurch weltweit Millionen neue Patienten geschaffen beziehungsweise Gesunde zu Kunden gemacht wurden.

Der Autor klärt den Leser über den vom Gynäkologen durchgeführten PAP-Test zur Früherkennung des Gebärmutterhalskrebses sowie über die Nebenwirkungen einer Konisation auf. Interessante Rechenbeispiele führt er zur Darmkrebs-Früherkennung auf und legt die Unterschiede zwischen der in allen anderen westlichen Ländern angewandten Sigmoidoskopie und der bei uns üblichen Koloskopie dar. Er schließt mit Informationen zur Glaukom- und Osteoporose-Früherkennung, die in der Regel mit einer Knochendichtemessung erfolgt und nimmt die IGeL-Leistungen kritisch unter die Lupe.

Unglaubliches hat der Wissenschaftsjournalist Frank Wittig bei seinen umfangreichen Recherchen zu Tage gefördert und wartet am laufenden Band mit teils verbrecherisch anmutenden Enthüllungen auf. Den Leser bezieht er direkt mit ein, indem er ihn immer wieder anspricht. Wenn er von „wir haben gesehen“ schreibt, erzeugt das ein Zusammengehörigkeitsgefühl, was durch umgangssprachliche Ausdrücke wie „Herzkasper“ noch bekräftigt wird, und er provoziert beispielsweise durch den Zusatz „Prost Mahlzeit!“, wenn ausgerechnet von einer schmerzhaften Untersuchung die Rede ist.

Tabellen veranschaulichen das im Text Erläuterte, was für an dem Thema Interessierte gut verständlich ist. Frank Wittig schreibt voller Sarkasmus, sehr direkt, schonungslos und nennt mutig Namen von Ärzten, an denen er kein gutes Haar lässt, womit er sich bestimmt bei einigen Medizinern unbeliebt gemacht haben dürfte. Dem Autor ist es mit dem Buch Krank durch Früherkennung wieder einmal gelungen, einen Skandal von ungeheuerlichem Ausmaß aufzudecken und es bleibt zu wünschen, dass unsere Ärzte sich auch endlich einmal zum Wohle der Menschheit kritischer mit dieser Materie befassen.

Frank Wittig, Krank durch Früherkennung, Riva Verlag 2015, Hardcover, 214 Seiten, ISBN 978-3-86883-630-1, Preis: 19,99 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

2 Kommentare

  1. Die medizinische Wissenschaft weiss ja schon lange diese Tatsache: bessere Früherkennung von Brustkrebs (oder erhöhte Überlebenschancen/grössere Heilungschancen) bedeutet nicht weniger Todesfälle von Brustkrebs. So die positive Andeutung mit besserer Früherkennung ist medizinische Propaganda.

    Die echten Fakten über Brustkrebs und Mammografie (Bruströntgen) haben schon lange gezeigt, dass die Früherkennung von „Krebsen“ mit Präventionsmaßnahmen (Beispiel: Mammografie) in vielen Fällen wegen Überdiagnosen falsch ist, aber ganz viele Frauen trotzdem behandelt werden. Das Ergebnis ist, dass Millionen von Frauen missbehandelt und umgebracht worden sind wegen diesen „fortgeschrittenen“ Untersuchungen und medizinischen Behandlungen (Quellen: Peter Gotzsche’s ‚Mammography Screening: Truth, Lies and Controversy‘ and Rolf Hefti’s ‚The Mammogram Myth‘ – siehe http://www.supplements-and-health.com/mammograms.html ).

    Jeder, der dieses Thema ein wenig genauer anguckt, kann sehen, dass es fast ausschließlich fabrizierte Statistiken und „wissenschaftliche“ Daten/Evidenz vom medizinischen Riesengeschäft sind, die diese Tests unterstützen.

    Das riesige, medizinische Krebsgeschäft hat schon jahrzehntelang das Volk angelogen mit falschen Statistiken. Dieses riesengroße Geschäft sagt den Leuten, wie unglaublich „fortgeschritten“ ihre Präventionsmaßnahmen, Untersuchungen und Behandlungen sind, aber verschweigt den großen Schaden, den sie wirklich anrichten. Es ist fast alles Lüge.

  2. Danke @ Klaus, für diesen ausführlichen Kommentar!
    Mir sind viele der aufgezählten Praktiken in dem Buch auch schon seit vielen Jahren bekannt und jeder, der sich für dieses Thema interessiert, müsste das auch schon längst wissen. Obwohl Frank Wittig sicher auch einiges erst durch umfangreiche Recherchen ins rechte Licht rücken konnte. Die Geldgier vieler Ärzte, wobei durchaus auch der ein oder andere in gutem Glauben handeln mag, wird auf dem Rücken vieler Unschuldiger ausgetragen, und ich kann nur jedem dazu raten, sich selbst eine eigene Meinung zu bilden, indem man sich mit der Thematik befasst.

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