Ein Bruder zu viel von Linde Hagerup

Ein Bruder zu vielFür die neunjährige Sara ist die Welt in Ordnung, bis Karin, die Freundin ihrer Mutter, plötzlich verstirbt. Denn nach deren Beerdigung verkündet der Vater, dass Karins Sohn nur noch eine Großmutter hat und deshalb in Zukunft bei ihnen wohnen wird. Den fünfjährigen Steinar, der jedes Jahr mit seiner Mutter das Weihnachtsfest bei ihnen verbracht hat, mochte Sara aber noch nie leiden und hatte sich schon darüber gefreut, dass ihr das in diesem Jahr erspart bleiben würde. Wie ihre fünf Jahr ältere Schwester Emilie soll Sara nett zu dem neuen Familienmitglied sein. Während ihre Schwester weiterhin ihr Zimmer behalten darf, wird Steinar auch noch in Saras Zimmer untergebracht. Aber Sara findet, dass es nach dem Umbau nicht mehr ihr Zimmer ist.

Trotz aller Unzufriedenheit wird Sara klar, dass Steinar zu bemitleiden ist. Da Sara ihn aber noch nie mochte, schlüpft sie in eine andere Rolle: Von nun an nennt sie sich Alfred, trägt eine Jeans und Kapuzenpulli und schneidet sich selbst die Haare ab. Emilie ist fassungslos und glaubt, in einem Irrenhaus zu leben. Der Vater toleriert jedoch das Verhalten von Sara, geht mit ihr zum Friseur, wo sie sich einen Herrenhaarschnitt machen lassen darf und auf Anraten von Emilie kaufen sie für Sara einen Anzug, ein weißes Hemd und einen Schlips, damit sie für die bevorstehenden Weihnachtstage als Alfred etwas zum Anziehen hat. Doch dann führt ein Ereignis dazu, dass Sara zum ersten Mal in ihrem Leben mit dem Vater Streit hat.

Die Protagonistin Sara erzählt die Geschichte in dem Kinderbuch Ein Bruder zu viel von Linde Hagerup in der Ich-Form. Die Sätze sind von der Autorin so formuliert, wie sie dem Sprachschatz eines neunjährigen Kindes entsprechen, wozu auch Wiederholungen in den Satzanfängen passen. Dass ein noch so kleines Kind wie Steinar am besten in einer Familie aufgehoben ist und dass sich die Eltern zur Aufnahme entschlossen haben, ist lobenswert und vorbildlich. Zunächst einmal stellt sich aber die Frage, warum die noch lebende Großmutter des Kindes nicht wenigstens die Weihnachtstage mit ihrem Enkel verbracht hat. Weiterhin sind die Reaktionen der Eltern kaum als pädagogisch sinnvoll zu bezeichnen: Die Eltern verlangen von den eigenen Kindern, dass diese Steinar bei Spielen gewinnen lassen. Der ohnehin von Linde Hagerup als verwöhnt und fast schon verzogen charakterisierte Junge wird so nie mit einem Frustrationserlebnis zurechtkommen und nur noch bockiger reagieren, wenn nicht alle nach seiner Pfeife tanzen. Äußerst befremdlich hat der Vater auch auf ein Fehlverhalten von Steinar reagiert, als dieser ein für Sara vorgesehenes Geschenk einfach an sich riss und behalten wollte. Er hat den Jungen zwar gebeten, das Geschenk zurück zu geben, doch letztlich nachgegeben und seiner Tochter einen Neukauf versprochen. „Zum Dank“ durfte Steinar sogar den Rest der Nacht bei den Eltern schlafen.

Fraglich ist, ob es für Linde Hagerup in Norwegen zur Normalität gehört, wenn eine Neunjährige zu ihrem Vater sagt, dass er gar nicht so blöd ist, wie er aussieht. Es wäre wohl kaum ein Elternwunsch, ihrem Kind ein Buch in die Hand zu geben, in dem Kinder ein Kartenspiel mit der Bezeichnung „Krieg“ spielen. Und auf die Idee, einen Schneemann als Schurken zu bezeichnen, der sterben soll und deshalb umzubringen ist, sollten junge Leser zwischen neun und elf Jahren, für die der Verlag das Buch empfiehlt, auch nicht unbedingt gebracht werden. Schade, denn die gelb/blauen, sich auf das Wesentliche beschränkende Illustrationen von Felicitas Horstschäfer sind schön anzuschauen und drücken die Gefühle der dargestellten Personen gut aus.

Ein Bruder zu viel von Linde Hagerup

Ein Bruder zu vielGerstenberg Verlag
Hardcover
144 Seiten
ISBN 978-3-8369-5678-9

Preis: 14,95 Euro

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