Die Stille der Frauen von Pat Barker

Die Stille der FrauenDie Bewohner von Lyrnessos bangen um ihr Leben, als sie von den Griechen angegriffen werden. Königin Briseis, einst mit vierzehn Jahren verheiratet und inzwischen neunzehn Jahre alt, muss mitansehen, wie der mächtige Achill alle Männer tötet, darunter auch ihre Brüder. Die siegreichen Männer plündern den Palast, und während sich die einen mit Wein betrinken, vergewaltigen die anderen reihenweise die Sklavinnen. Später werden die Angehörigen der königlichen und adeligen Familien von den Griechen auf ein Schiff getrieben und bei Ankunft im vor Troja gelegenen Heerlager wird über ihr weiteres Schicksal entschieden.

Als Belohnung für seine Tapferkeit und die vielen getöteten Männer wird Briseis als Ehrengeschenk für Achill auserkoren. Von einer Königin zur Sklavin degradiert, muss sie von nun an ihren neuen Herrn und seine Hauptleute bedienen. Wann immer es ihr möglich ist, verbringt sie die Abende in der Hütte der Frauen mit Iphis, die Achill seinem besten Freund und Stellvertreter Patroklos geschenkt hat. Da dieser stets freundlich zu Briseis ist, weiß sie dieses Glück zu schätzen. Obwohl Achill nicht mit ihr spricht oder sie ansieht, fordert er selbstverständlich sein Recht im Bett und lässt jede Nacht nach ihr schicken.

Eines Tages kommt ein alter Priester in das Heerlager und bittet Fürst Agamemnon um die Herausgabe seiner gefangen gehaltenen Tochter Chryseis gegen ein beachtliches Lösegeld. Da ihm seine Bitte verweigert wird, betet er zu Apoll, dem Gott der Mäuse und der Pest, woraufhin das Lager von einer Rattenplage heimgesucht wird. Viele Soldaten sterben, alle sind wütend auf den Fürsten und es kommt zu Tumulten. Während einer Versammlung soll der Seher Kalchas erklären, was Apoll beleidigt haben könnte. Doch weil Achill diesem für seine ehrliche Antwort Schutz auf Leben zusichert, fühlt Agamemnon seine Autorität untergraben und er fordert als Wiedergutmachung von Achill dessen Ehrengeschenk: Briseis!

Der historische Roman „Die Stille der Frauen“ von Pat Barker erzählt den Trojanischen Krieg, dessen Authentizität nicht bewiesen ist, aus der Sicht einer Frau. Bis auf wenige Ausnahmen, in denen das Geschehen im Erzählstil und Präteritum wiedergegeben ist, berichtet Briseis in der Ich-Form und im Präsens. Ihre Darlegungen richten sich an die von ihr wiederholt direkt angesprochenen Menschen „in den unvorstellbar fernen Zeiten“, wie sie am Ende ihrer Geschichte verkündet.

Pat Barker zeichnet in bildhafter Sprache ein gut vorstellbares Porträt der Zeit des 12. bis 13. Jahrhunderts vor Christus, in der die Datierung des mutmaßlichen trojanischen Krieges fällt. Die Männer haben gekämpft, bei Festessen reichlich auftischen lassen oder Begräbnisspiele veranstaltet. Eine Frau hatte sich dem Mann stets unterzuordnen, der nach Belieben über sie verfügen konnte, und grundsätzlich hat sie ihr Elternhaus nach der Eheschließung verlassen und in das Haus der Schwiegereltern ziehen müssen, wie es auch heute noch in vielen arabischen Ländern praktiziert wird. Für die Notdurft dienten Latrinen und die zu Müllbergen aufgehäuften Essensreste haben Ratten angezogen. Alle Phänomene, für die die Menschen keine Erklärung hatten, haben sie den Göttern zugeschrieben.

Allzu zimperlich sollte der Leser des historischen Romans „Die Stille der Frauen“ von Pat Barker nicht sein, denn die Opferdarbietungen und die unzähligen Speerstöße in sämtliche menschliche Körperteile sind nichts für empfindliche Naturen. Dass die Menschen zur damaligen Zeit schon wie Briseis Kenntnis von den Ratten als die Überträger der Pest haben konnten, ist wohl genau so unwahrscheinlich wie der Gebrauch des Pfundes als Gewicht. Doch letzten Endes sind diese Erwähnungen nicht von Bedeutung bei einem so mitreißenden Roman, der von einer begnadeten Erzählerin geschrieben wurde und den Leser in eine Welt voller Mythen eintauchen lässt.

Die Stille der Frauen von Pat Barker

Die Stille der Frauen
Lago Verlag 2020
Hardcover
416 Seiten
ISBN 978-3-95761-195-6

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Bildquelle: Lago Verlag


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