Unterwegs in Albanien von Franziska Tschinderle

Unterwegs in AlbanienDie Journalistin Franziska Tschinderle ist zu Recherchezwecken „Unterwegs in Albanien“, einem der ärmsten Länder Europas, in dem viele Rentner in bitterer Armut leben. Für ihren Reisebericht hat sie mit Unterstützung einer Übersetzerin 120 Interviews geführt und Geheimdienstakten zu Studienzwecken beantragt. Sie schreibt vom Wandel des einstigen Terrorregimes, wo bis zum Jahr 1985 der grausame Diktator Enver Hoxha regierte, bis hin zu einem Mehrparteiensystem. Allerdings gesteht ihr ein Berufskollege, dass sich nichts bewegen würde, weil sich die heutigen Politiker kaum von früheren unterscheiden. Sie schreibt vom Lebensstandard der Bevölkerung, der Korruption, den Traditionen, der Kultur, Sitten und Gebräuche, Religion und Küche sowie der wirtschaftlichen Situation.

Franziska Tschinderle informiert über die gefährliche Minenarbeit in Bulqizë sowie die Arbeitsbedingungen in der Textilfabrik Mao Zedong in Berat. Sie berichtet über die grausame Herrschaft Ali Paschas, den Anbau und Schmuggel von Marihuana und davon, dass Umweltschützer Sturm laufen gegen die geplante Inbetriebnahme vieler Wasserkraftwerke, die teilweise in Schutzzonen und Nationalparks liegen. Immerhin setzen sich sogar Prominente für den Erhalt von Vjosa, einen der letzten Wildflüsse Europas ein, für deren Stauung auch die Täler der Bauern geflutet werden müssten. Besiegelt ist bereits, dass Hasankeyf, der mehr als doppelt so alte Ort wie die Pyramiden von Gizeh, wegen eines von der türkischen Regierung in Auftrag gegebenen Staudammes im Wasser versinken wird. Ökostrom versus Natur?

Interessante Informationen vermittelt die Journalistin zu den Hintergründen der Blutrache. Wir mögen darüber den Kopf schütteln, aber immerhin gelten traditionelle Regeln, die von allen geachtet werden und für die es einen Ehrenkodex wie auch einen speziellen Schlichter gibt. Die von der Autorin zusammengetragenen Geschichten erzählen von traurigen Schicksalen, von Kriegsgefangenen, Folter und grausamen Morden. So wurden politische Häftlinge in Arbeitslagern zur Zwangsarbeit in „der Hölle von Spaҫ“ oder Qafë Bari verurteilt und unmenschlichen Schikanen ausgesetzt. Obwohl die Homosexualität seit 1995 legalisiert ist, wird sie von der Gesellschaft und nicht einmal von der Familie Betroffener akzeptiert, wie ihr eine Frau erzählt hat, die sich in Albanien als erste Lesbe geoutet hat.

Nach dem Mauerfall in Berlin, so weiß Franziska Tschinderle zu berichten, stürmten im Juli 1990 Tausende die Botschaften in Albanien. Seitdem boomt der Tourismus an der noch unverbauten Küste der Albanischen Riviera, die von der TUI mittlerweile ins Programm genommen wurde. Im Stadtteil Blloku der Hauptstadt Tirana, bis im Jahr 1991 noch von Soldaten bewacht, entstand Tiranas angesagtes Ausgehviertel mit Cocktailbars. Die Journalistin hat unter anderen einen der behandelnden Ärzte des einstigen Diktators sowie die Enkelin eines Großvaters gesprochen, der Juden im Wald versteckt und somit vor der Deportation gerettet hat. Ihr Reisebericht ist sehr persönlich gehalten und legt auch ihre Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche in einem Land dar, in dem illegal errichtete Häuser nicht an die Kanalisation angeschlossen sind. Ihren in einem flüssigen Schreibstil gehaltenen Ausführungen folgt der Leser mit Interesse und die spannenden Geschichten, die ihr anvertraut wurden, könnten kein besseres Verständnis für dieses unbekannte Land abgeben. Darüber hinaus wird die von ihr zwecks Hintergrundrecherche verwendete Literatur im Anhang allen interessierten Lesern empfohlen.

Unterwegs in Albanien von Franziska Tschinderle

Unterwegs in Albanien
DuMont Reiseverlag 2020
Klappenbroschur
277 Seiten
ISBN 978-3-7701-6635-0

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