Carl Hoffmann hat sich zum Ziel gesetzt, mit den schlimmsten und gefährlichsten Transportmitteln der Welt zu reisen und hat seine Erlebnisse in dem Buch Frauen & Kinder zuerst! niedergeschrieben. Er ist sich durchaus der Gefahren bewusst, denen er sich dabei aussetzt und begibt sich dennoch auf eine Reise rund um den Globus.

Los geht es von Kanada mit der Cubana Airline nach Havanna, die einen besonders schlechten Ruf genießt, wenn nicht den schlechtesten überhaupt! Danach geht es weiter mit einem der gefährlichsten Flugzeuge, einer russischen Ilyustrin nach Bogotá. Nun tauscht Carl Hoffmann das Flugzeug gegen einen Bus und fährt zwanzig Stunden quer durch Kolumbien, obwohl die Reiseführer vor einer solchen Busfahrt warnen. Generell stuft die Weltgesundheitsorganisation die südamerikanischen Straßen als die schlimmsten der Welt ein, denn es lauern linksgerichtete Guerillas ebenso wie rechte Todesschwadronen an der Strecke. Von Lima geht es nach Cusco und es folgt eine Höllentour nach Porto Maldonado in Peru. Und dann gilt es, 160 km peruanischen Dschungel in einem Sammeltaxi zu überstehen, um ins Amazonasbecken zum Rio Madeira zu gelangen.

Auf dem afrikanischen Kontinent angekommen, ist Carl Hoffmann mit dem Zug nach Nairobi unterwegs. Hier muss er die Gedanken daran verdrängen, dass Mungiki einem schon mal mit der Machete den Penis abschneiden können. Er lässt sich erst einmal zum Haus von Karen Blixen führen, der Autorin von Jenseits von Afrika. Es sind knappe 50°, als er schwitzend im Zug nach Dakar sitzt. Dort gibt er sich den Gedanken an die zweitschlimmste Schiffskatastrophe hin, die hier stattgefunden hat und bei der es 300 Tote mehr als beim Untergang der Titanic zu beklagen gab.

In Asien warten auf den Autor neun anstrengende Tage, die er auf dem Meer von Jakarta nach Sorong verbringt. Den Grund für die vielen Katastrophen sieht er auch hier in den hoffnungslos überfüllten Schiffen. Aber er weiß, dass fliegen hier auch nicht ungefährlicher wäre. Mitreisende wundern sich, warum er als reicher Amerikaner nicht 1. Klasse reist. Aber Carl Hoffmann zieht es vor, wie sie Leitungswasser zu trinken und mit den Fingern zu essen. Das öffnet ihm Tür und Tor und er bekommt immer mehr private Einladungen. In Mumbai / Indien, stößt er auf das gefährlichste Fortbewegungsmittel der Welt und bei seinem nächsten Ziel, Bangladesch, sterben auf den Fähren mehr Menschen als irgendwo sonst auf der Welt. Er begibt sich auf eine 17-stündige Busreise in Indien, von der ihm alle dringend abraten und schließlich landet er in Afghanistan, dem Land der Taliban. Um nach Masar-e Scharif reisen zu können, muss er sich gar mit einer Kafiya um den Hals als Afghane tarnen. Seine weitere Reise führt ihn nach China und in die Mongolei, wo er bei minus 40° drei Tage ununterbrochen in einem LKW reist. Über Wladiwostok erreicht er schließlich nach fünf Monaten und 80.000 zurückgelegten Kilometern wieder seine Heimat.

Carl Hoffmann hat mit dem Reisebericht Frauen & Kinder zuerst! ein ganz außergewöhnliches Werk geschaffen. Von der ersten Seite an ist der Leser gefesselt und gerät fasziniert ins Staunen. So sehr einen beim Lesen die Abenteuerlust packen kann, so wird sie auch wieder von den ungeheuerlichen Gefahren gebremst. Der Autor hat sich wagemutig in die gefährlichsten Transportmittel gesetzt und fühlte sich geradezu magnetisch von ihnen angezogen. Er gibt dem Leser dabei Hintergrundinformationen über die teilweise in ärmlichsten Verhältnissen lebenden Menschen, die politische Lage und die reizvollen oder auch kargen Landschaften. Wo unzählige Menschen auf engstem Raum zusammenleben, lernt er den Luxus von Privatsphäre, Sauberkeit, Ruhe und Sicherheit zu schätzen. Und doch bewundert er diese Welt, in der noch die Familie unter einem Dach lebt und die Alten nicht in Heime abgeschoben werden. Carl Hoffmann lässt den Leser in seinem Buch Frauen & Kinder zuerst! die Lebenssituation der Menschen nachempfinden, die täglich mit unsicheren Verkehrsmitteln reisen, obwohl sie sich der Gefahren bewusst sind. Aber sie haben keine andere Wahl! Als er nach seiner langen Reise endlich wieder in Los Angeles landet, kommt ihm Amerika wie das traurigste Stück Land auf Erden vor. Die Menschen sind einsam und nicht mehr freundlich und strotzen nicht vor Leben. Die Freigiebigkeit und Neugier gegenüber Fremden ist ihnen verloren gegangen!

Carl Hoffmann, Frauen & Kinder zuerst!, btb Verlag 2011, Klappenbroschur, 352 Seiten, 2 s/w Abbildungen, ISBN 978-3-442-75312-3, Preis: 14,99 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

2 Kommentare

  1. Der Autor von diesem Buch schreibt über seine Erlebnisse bei wirklich unglaublichen Reisen durch viele verschiedene Länder. Der Clou dabei ist, dass er mit den schrecklichsten Mitteln die er finden, kann durch diese Länder reist. Mit den Reisemöglichkeiten, die in dem entsprechenden Land am gefährlichsten sind und die meisten Opfer zählen. Warum macht der Autor das? Das habe ich mich beim Lesen auch gefragt, er erklärt es zwar am Ende, die Erklärung fand ich aber doof, das hörte sich alles so etwas danach an, als wenn er mit seinem Leben nicht zufrieden ist, mit seiner Frau und seinen Kindern, daher empfand ich den Autor auch während des Lesens nicht sehr sympathisch.

  2. Danke für den Kommentar!

    Das ist natürlich Ansichtssache und man mag sich bei vielen Dingen fragen, warum Menschen etwas tun, was sie nicht zwingend tun müssen. Günter Wallraff hat seinerzeit auch für seine Recherchen einige Unannehmlichkeiten in Kauf genommen und auch ihn könnte man fragen, warum er das gemacht hat. Er wollte aufmerksam machen auf Missstände. Um die Dinge glaubhaft zu machen, musste er sich mitten ins Geschehen begeben. Und genau das hat Carl Hoffmann auch getan: Sich in die Verkehrsmittel gesetzt, die am gefährlichsten sind.

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