Laut einem von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin vorgelegten Stressreport sind im Jahr 2011 wegen psychischer Erkrankungen 59 Millionen Arbeitsstunden ausgefallen, zu denen noch Kosten in Höhe von sechs Milliarden Euro für die medizinische Behandlung hinzugerechnet werden müssen, was einer Steigerung von 80 Prozent innerhalb von fünfzehn Jahren entspricht. Zunehmender Termin- und Leistungsdruck ist für das unter dem Namen Burnout-Syndrom bekannt gewordenen psychischen Erschöpfungszustand verantwortlich.

Wie dieser Kreislauf durchbrochen werden kann, zeigt Don Joseph Goewey in seinem Buch Das stressfreie Gehirn. An Fallbeispielen, wie Menschen das Leben wieder genießen können, erklärt er die neuronalen Gehirnstrukturen. Er macht deutlich, welche Hirnregionen für unseren Instinkt, Sexualität, Reflex, Intellekt und unsere Urängste zuständig sind. Pelé, Einstein und McCartney führt er als Beispiele eines Schaffensrausches an und Hitler, Stalin und Karadzic sind die Negativbeispiele einer fehlerhaften Vernetzung der Gehirnstruktur. Eine Stresssituation hat ihre Ursache nach Goewey im Bedrohungsmodus und ihre Auswirkungen schlagen sich in unserem Immunsystem, der Verdauung, Fortpflanzung und dem Hippocampus nieder. Seine Fähigkeit, neue Gehirnzellen zu bilden, wird gehemmt, was vermutlich für die Entstehung einer Depression verantwortlich ist. Der Autor erklärt, dass durch chronischen Stress weniger Serotonin gebildet wird. Dieser Neurotransmitter regelt wie Dopamin unseren kompletten Stoffwechsel und entscheidet darüber, ob wir Lust am Leben haben.

Ein erster Schritt aus diesem Teufelskreis ist nach Don Joseph Goewey die Erkenntnis, dass Stress durch unsere eigenen Gedanken, Gefühle und Einstellungen erzeugt wird. Schritt für Schritt erläutert er an zahlreichen Beispielen, wie man sich selbst aktiv helfen kann, wozu allerdings viel Übung und genügend Motivation gehören. Er führt erstaunliche Ergebnisse von Forschungsarbeiten an, wie sich Stress sogar auf die zwischenmenschlichen Beziehungen und Partnerschaften auswirkt und hebt die Bedeutung von Familie und Freunden hervor.

Allein die umfangreichen Anmerkungen und der Index des Ratgebers Das stressfreie Gehirn zeichnen das Buch als Fachbuch aus. Sämtliche vom Autor erwähnte Statistiken beziehen sich zwar auf Amerika, doch dürften die Zahlen in Deutschland davon nur unerheblich abweichen. Wie für einen wissenschaftlichen Text üblich, führt er zahlreiche Zitate an, darunter zitiert er berühmte Persönlichkeiten wie Albert Einstein oder Mahandas Gandhi. Befremdlich wirken allerdings die Namensgebungen nach Göttern wie Drachengott für den Hirnstamm, Apollo für den Intellekt und Mars für Urängste. Dafür hat Don Joseph Goewey eine Hülle an wissenschaftlichen Untersuchungen und ihre Ergebnisse fast schon spannend umgesetzt und zeigt Wege aus Depression und Zwangsstörung auf. Ob es eventuell noch andere hilfreiche Wege für die Betroffenen gibt, ist nicht Gegenstand dieses Buches. Da es sich bei diesem aufschlussreichen Werk eher um eine nicht ganz einfach zu verstehende Aufarbeitung handelt, ist es nur Lesern zu empfehlen, die sich intensiv mit kognitiver Verhaltenstherapie, Neurowissenschaft, Neurogenese, Neuroplastizität, orbitalfrontalem Cortex, Transformation des Geistes, Amygdala und Flow beschäftigen wollen.

Don Joseph Goewey, Das stressfreie Gehirn, Windpferd Verlag 2013, Taschenbuch, ISBN 978-3-86410-031-4, Preis: 12,95 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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