Kaum ein Besucher der Stadt Münster kann sich dem Blick auf den Turm der Lambertikirche entziehen, wie er sich aus Richtung Prinzipalmarkt stellt. Hoch oben über der Kirchturmuhr sind immer noch die drei Eisenkörbe angebracht, die den drei Wiedertäufern Bernhard Krechting, Bernd Knipperdolling und Johann Bockelson, allen nur unter Jan van Leiden bekannt, seit ihrer barbarischen Hinrichtung am 22. Januar 1536 als letzte Ruhestätte dienten. Werner Rumphorst geht in seinem Roman nicht ohne Humor der Frage nach, ob man die Käfige nicht einer Wiederverwendung zuführen kann.

Die eigentliche Handlung ist schnell erzählt: Die angehende Lehramtsstudentin Ella erwartet ihr erstes Kind. Francesco, der werdende Vater, verdient als Informatiker wenig. So macht sich Ella gemeinsam mit ihrer liebenswerten Großmutter Annegret Gedanken darüber, wie sie ihr Studium nach der Geburt des Kindes fortsetzen kann, was wohl nur mit einer Tagesmutter zu bewerkstelligen ist. Die jungen Leute gehören zu einer Stammtischrunde, die sich wöchentlich trifft und über gesellschaftliche Themen diskutiert. Richard kommt als Wortführer zu dem Schluss, dass keine Partei die Interessen der jungen Menschen vertritt, die im Gegensatz zu den Älteren, die Besitz haben und behalten wollen, zu den Besitzlosen gehören.

Die knappe Handlung in dem Roman Wiederverwendung beschränkt sich im Wesentlichen auf Gespräche zwischen Ella und ihrer Großmutter sowie auf die Unterhaltungen während der Stammtischrunden. Doch hat Werner Rumphorst in die Diskussionen sämtliche aktuelle Nachrichtenthemen einfließen lassen, die einem politisch interessierten Bürger bekannt sein sollten. Die Jugendarbeitslosigkeit in Italien, Spanien, Griechenland und Portugal ist in dem Roman ein zentrales Thema. Aber auch eine Reform unseres Rentensystems erscheint dem Autor notwendig, weil sich die Alten auf Kosten der nächsten Generation an der Rentenkasse bedienen. Er prangert die unmenschlichen Bedingungen in den Textilfabriken am Beispiel von Pakistan an, die Umweltbelastung durch Flugzeuge, den Plastikmüll in den Weltmeeren, die Agrarpolitik der Europäischen Union, das immer wieder diskutierte Fracking, den Klimawandel und die Folgen eines Stromausfalls sowie die steigenden Staatsschulden. Bei der geballten Ladung von deprimierenden Fakten nimmt er den Leser mit auf eine Reise zu markanten Plätzen in Münster, stellt Lokale vor und gibt einen kleinen geschichtlichen Überblick. Von dem Klischee, dass Mädchen in der heutigen Zeit immer noch nur rosa Kleidung tragen, sollte er sich allerdings verabschieden und schade ist auch, dass der Säugling in seinem Roman mit künstlicher Nahrung „gestillt“ wird. Aber für seinen mutigen und gar nicht ganz abwegigen Gedanken, die Eisenkörbe an der Lambertikirche für diejenigen einer Wiederverwendung zuzuführen, die sich eines Vergehens oder Unterlassens zu Lasten der heutigen Jugend schuldig machen, verdient er Anerkennung!

Werner Rumphorst, Wiederverwendung, agenda Verlag 2013, Broschur, 136 Seiten, ISBN 978-3-89688-498-5, Preis: 12,80 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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