Eine Studentin trifft in Berlin auf Marcus Steiner. Der 36-jährige Mathematiker behauptet, dass man alles berechnen kann, auch Frauen. Obwohl seine kalten Augen der jungen Frau Angst einjagen, geht sie mit ihm eine Beziehung ein. Sie erfährt, dass seine frühere Freundin Gisela zu viel über ihn wissen wollte und bei einem Besuch in Münster erzählt er ihr von den Umständen, die zum Tod von Marie Kasper führten. Auch sie war eine seiner Verflossenen und soll nach amtlichem Befund Selbstmord verübt haben. Die Äußerungen von Marcus Steiner wirken oftmals auf die Studentin befremdlich und auch am Grab seiner Mutter gibt er ihr Rätsel auf.

Nach nur vier gemeinsamen Monaten erfährt ihr Leben plötzlich eine Wendung. Seit Tagen wird sie von einem Mann verfolgt, der behauptet, Marcus Steiner sei der Mörder von Marie Kasper. Darauf angesprochen bekräftigt er, jener Richard Adams sei dem Wahnsinn verfallen. Adams wäre davon überzeugt, dass er, Marcus, seine Frau Christine Adams umgebracht haben soll und mit der Behauptung, er sei der Mörder von Marie Kasper, den Tod seiner Frau rächen will. Als Adams mit einer gezogenen Pistole das junge Paar aufsucht, kommt es zwischen den beiden Männern zu einem Handgemenge, in deren Verlauf Adams stürzt und an einer Schädelfraktur stirbt. Marcus Steiner verschwindet von diesem Tag an aus dem Leben der Studentin, die sich auf eine zehn Jahre dauernde Suche nach ihm macht. Sie will aufdecken, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Tod von Marie Kasper und dem von Christine Adams gibt. Wer waren die beiden Frauen oder sind sie gar identisch? Erst ihre Bekanntschaft mit dem Psychologen Tonio gibt Antworten auf ihre Fragen.

Der Roman Der Mimofant von Reinhard Bullig zeichnet ein psychologisches Portrait eines Mannes, bei dem nicht verarbeitete Kindheitserinnerungen sein Leben und damit das seiner Beziehungen nachhaltig beeinflussen. Durch Traumatisierungen ist er empfindlich wie eine Mimose geworden und kompensiert das mit Unterdrückung und Manipulation, wobei er wie ein „Elefant im Porzellanladen“ auftritt. Er ist gewohnt, alles voraus berechnen zu können und duldet keinen Widerspruch.

Der Autor fesselt den Leser zu Beginn mit einer Auseinandersetzung, die zum Tod eines Mannes führt. Die junge Studentin erzählt das Geschehen in der Ich-Form und da ihr zu diesem Zeitpunkt die Zusammenhänge noch unbekannt sind und alles mysteriös erscheint, bleibt auch der Leser im Unklaren. Über den weiteren Verlauf berichtet sie im Rückblick auf die Zeit von Ende März bis Ende Juli 2001. Durch Andeutungen, die ihre Zukunft betreffen, entfacht der Autor die Neugier des Lesers auf den Fortgang des Romans. Den Namen seiner Protagonistin gibt er nicht direkt preis, sondern lässt lediglich in einer Ausführung des Psychologen Tonio, in der er ihr vor Augen führt, wie ihr Leben hätte verlaufen können, den Namen Susanne fallen.

Reinhard Bullig schreibt weithin in kurzen Sätzen, die eine beklemmende Wirkung auf den Leser ausüben. Bei der Lektüre des Romans Der Mimofant wird er sich in Gedanken über Menschen verlieren, die charakterlich der Figur des Marcus Steiner ähneln. Ein ausgetüfteltes Geflecht von Beziehungen zeichnet das Buch aus und führt den Leser an authentische Schauplätze in Berlin und Münster. Einzig das Korrektorat lässt zu wünschen übrig.

Reinhard Bullig, Der Mimofant, agenda Verlag 2013, Broschur, 220 Seiten, ISBN 978-3-89688-497-8, Preis: 14,80 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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