Im Jahr 1966 wird in Ostdeutschland ein Kind mit nicht eindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren. Die verwahrloste Mutter ist dem Alkohol verfallen und weiß nicht einmal, wer der Vater ist. Das Kind, das sie Toto nennt, gibt sie mit fünf Jahren in ein Kinderheim. Wie ein Junge gekleidet, aber mit Sanftmut und einer viel zu hohen Stimme ausgestattet, wird Toto von allen gemieden und erträgt stillschweigend, wenn er auf dem Boden liegend getreten wird. Die Hoffnungen auf ein besseres Leben werden zerstört, als Toto zu Adoptiveltern auf einen verfallenen Hof kommt, wo seine Schlafstätte der Stall ist. Auch hier wird er nur geschlagen und ausgenutzt. Den Tieren singt er selbst ausgedachte Lieder vor, und mit sechzehn Jahren verlässt Toto den Hof. Er schließt sich einer Gruppe von Startbahngegnern an und wird von ihnen in den Westen geschleust. Nachdem er bisher nur den Kommunismus kannte, will er unbedingt den Kapitalismus begreifen. Er weint zum ersten Mal in seinem Leben, landet im Heim für christliche Männer, wird am Tag des Mauerfalls weiter geschubst und hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Wo Toto auch hinkommt und auf ein Wunder hofft, wird er gedemütigt und hintergangen. Inwiefern Kasimir, ein Junge aus dem Kinderheim, der wiederholt Totos Lebensweg kreuzt, für sein Schicksal verantwortlich ist, erfährt er erst vor seinem traurigen Tod im Jahr 2030.

Sibylle Berg nimmt in ihrem Roman Vielen Dank für das Leben kein Blatt vor den Mund. In nüchterner Erzählperspektive und ohne Sentimentalität schreibt sie vom Leben im Kinderheim, wo der Wille gebrochen wird und Kinder zu Heuchlern gemacht werden. Die Autorin richtet ihre Botschaft mittels Totos Gedanken an den Leser und prangert so die Globalisierung, unser Sozialsystem, die zunehmende Gewaltbereitschaft und den Sextourismus an. Die Ausbeutung unserer Erde ist auf „hundert Jahre Dummheit“ zurückzuführen, Asiatinnen werden gegen Bezahlung vergewaltigt und Heimerzieher genießen die Demütigung gegenüber den Kindern, die traumatisiert entlassen werden.

Schonungslos zeichnet die Autorin das Bild einer verblödenden Gesellschaft, in der die Gier der Menschen unendlich ist und Broker einen Hirnschaden haben. Die Verlegung von Produktionsstätten in Billiglohnländer spricht sie ebenso wie die Doppelmoral kirchlicher Würdenträger und den unmenschlichen Umgang mit den Menschen in Altenheimen an. Zum Verständnis hat Sibylle Berg den Leser über die Legalisierung der Homosexualität aufgeklärt und gibt einen historischen Rückblick über die juristische Auslegung von Hermaphroditen. Der Ton, den die Autorin in dem facettenreichen und sehr lobenswerten Roman Vielen Dank für das Leben anschlägt, ist äußert zynisch, ironisch und makaber. Auf jeder Seite lauern Sätze, über deren Sinn es sich nachzudenken lohnt. Besonders der Ausblick auf die Jahre bis 2030 ist schockierend: Da werden „Nachrichten zum Wohle des Volkes“ aufbereitet, die übertriebene Angst vor Bakterien führt zur Schwächung des Immunsystems, Plastik und Ladenketten sind allgegenwärtig, die Lebensmittel sind nur noch Kunstprodukte und die wenigen Reichen verschanzen sich hinter Starkstromzäunen. Wer wird dann noch ohne Ironie Vielen Dank für das Leben sagen?

Sibylle Berg, Vielen Dank für das Leben, Deutscher Taschenbuch Verlag 2014, Taschenbuch, 400 Seiten, ISBN 978-3-423-14341-7, Preis: 9,90 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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