Allein der Titel Unbeugsame Lehrerinnen macht schon deutlich, dass es sich in dem Buch von Luise Berg-Ehlers um Frauen handelt, die den Kampf für eine ihnen wichtige Sache aufgenommen haben: Die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Bis in unsere Tage ist die soziale und politische Gleichstellung der Frau nur zum Teil verwirklicht worden, denn sonst hätte es kaum eine gesetzlich geforderte Frauenquote geben müssen, wie sie der Bundestag erst im März dieses Jahres beschlossen hat.

Die Autorin macht zunächst deutlich, dass Frauen, die bis ins 20. Jahrhundert hinein den Lehrerberuf anstrebten, die Emanzipationsbewegung entscheidend beeinflusst haben und stellt in diesem Zusammenhang das Leben der drei Brontë-Schwestern vor. Um die gesellschaftliche Stellung einer Gouvernante zu beleuchten sowie die Anforderungen, die an sie gestellt wurden, führt sie Louise Lehzen, die für die spätere Königin Victoria zuständig war und Marion Crawford, Gouvernante für Elizabeth, von den Engländern nur Queen Mum genannt, an. Wie weitere Beispiele zeigen, haben Frauen diesen Weg oftmals aus finanzieller Not heraus eingeschlagen, wobei sie auch dann kaum in Wohlstand leben konnten, da ein Festkleid bereits einem Monatslohn entsprach.

Der Kampf um die Gleichberechtigung ging von England aus und erreichte erst später Deutschland. Mary Wollstonecraft war seinerzeit eine treibende Kraft, denn sie wollte sich mit der Stellung einer Gouvernante nicht zufrieden geben und forderte, Frauen auch als Lehrerinnen in den Schulen einzusetzen. Dass das nicht immer ungefährlich war, macht Luise Berg-Ehlers an Olympe de Gouges deutlich, die dafür auf dem Schafott gelandet ist. Wie sie weiter ausführt, haben sich die Frauen in Zirkeln zusammengefunden, die mit einer Schulgründung durch Frances Buss einen Erfolg verzeichnen konnten.

Die Lehrerinnen kämpften neben der Forderung nach Gleichberechtigung auch für ein Stimmrecht der Frauen, und das Buch informiert darüber, wo in Deutschland erste Lehrerinnenseminare gegründet wurden und wie Lehrerinnen nach dem Zweiten Weltkrieg erstmals an entscheidender Stelle im Bildungssektor mitwirken konnten. Am Beispiel der Stadt Lüneburg, dem Geburtsort der Autorin, wird deutlich, dass es ein harter Kampf war, für eine Mädchenschule finanzielle Mittel zu erhalten, und sämtliche Direktoren/innen vom Beginn bis heute werden von ihr aufgelistet. Im Folgenden stellt sie exemplarisch für Frauen, denen das Lehrerinnen-Dasein nicht mehr genügte, Simone de Beauvoir als literarisch und politisch Engagierte, Anna Freud, die in die Fußstapfen ihres berühmten Vaters getreten ist, und auch die durch ihre Harry Potter Romane reich gewordene Joanne K. Rowling vor.

Ob man es nun glauben mag oder nicht, aber tatsächlich galt in Deutschland bis in die 1950er Jahre das Lehrerinnenzölibat, das bei Heirat nicht nur den Verlust des Arbeitsplatzes, sondern auch die der Pensionsansprüche bedeutete. Luise Berg-Ehlers berichtet weiterhin über die Kleiderordnung und wendet sich den Reform-Pädagoginnen, unter anderem der in Kinderheilkunde spezialisierten Maria Montessori, der Gründerin der „Soziale Frauenschule“ Alice Salomon und der späteren Kanzlergattin Hannelore Schmidt zu. Ferner weist sie auf den in jüngster Zeit verliehenen „Deutschen Lehrerpreis“ hin, wobei sie auf das Wirken von Tagrid Yousef eingeht. Schlusslicht bildet die Darstellung der Lehrerinnen in Romanen und Filmen.

Es besteht schon eine gewaltige Diskrepanz zwischen den Mädchen, die in früherer Zeit für das Recht auf Bildung gekämpft haben, wie es Luise Berg-Ehlers eindrucksvoll in ihrem Buch Unbeugsame Lehrerinnen schildert, und den heutigen Schülerinnen, die dieses Privileg kaum zu schätzen wissen. Die mit nicht wenigen lateinischen Ausdrücken belegten Texte finden in Fotos und Auszügen aus Schriften der vorgestellten Frauen eine Ergänzung, und wie für ein Sachbuch üblich, ist auch ein Literaturverzeichnis angehängt. Interessierten ist das Buch wärmstens zu empfehlen.

Luise Berg-Ehlers, Unbeugsame Lehrerinnen, Elisabeth Sandmann Verlag 2015, Hardcover mit Schutzumschlag, 184 Seiten, ISBN 978-3-945543-01-6, Preis: 24,95 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

1 Kommentar

  1. Hallo,
    sehr interessant. Das erinnert mich an die erste deutsche Bundesministerin Elisabeth Schwarzhaupt, die bei der Begrüßung des Kabinetts durch Adenauer immer „vergessen“ wurde: „Guten Morgen, meine Herren.“

    Viele Grüße
    Ina Degenaar

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