Ideale von Julia Friedrichs

Ideale
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In ihrem Buch Ideale macht sich Julia Friedrichs auf die Suche nach den Menschen, die für die 68er Ideale standen. Die zündende Idee dazu kommt ihr in einer Silvesternacht, als draußen die Raketen knallen. Sie blickt auf ihren schlafenden Sohn und zeichnet für ihn eine düstere Zukunft: Ölverseuchte Meere, Plastik im Übermaß, im Fernsehen billigster Schund. Doch wie so viele Menschen, die sich darum sorgen, unternimmt sie selbst auch nichts. Welche Antworten soll sie ihrem Kind einmal geben, wenn sie gefragt wird, warum sie tatenlos zugesehen hat, wie sich die Welt selbst zugrunde richtet? Sie erstellt eine erste Liste mit Dingen, die sie verändern will und stellt fest, dass jeder im Kleinen einen Anfang machen kann.

Für ihr Buch begibt sie sich also auf die Suche nach denen, die ihren Idealen treu geblieben sind. Enttäuschungen bleiben ihr nicht erspart, als sie Alice Schwarzer um ein Interview bittet. Von ihr bekommt sie ebenso keine Zusage wie von Joschka Fischer und Karl-Theodor zu Guttenberg. Allerdings führt ihr Weg zum Altkanzler Gerhard Schröder, mit dem sie über gesellschaftliche Veränderungen und den sozialen Aufstieg fachsimpelt. Doch seinen Überzeugungen ist er ebenso wenig treu geblieben wie Rezzo Schlauch, der zu Zeiten der Studentenunruhen voll hinter Rudi Dutschke stand. Unangenehmen Fragen weicht er aus und Julia Friedrichs fragt sich, ob er wirklich glaubt, was er da heute über die 68er sagt. Ganz anders Ingo Schulze: Er hat einmal bei einer Rede zu einer Preisverleihung sehr viel Mut bewiesen, indem er den Sponsor verbal und sachlich angegriffen hat. Damit gehört er zu einer Minderheit, die für ihre Überzeugung kämpfen und nicht den Mund halten, auch wenn es bequemer wäre. Beim Gespräch mit Günter Grass äußert sich dieser ganz offen zu seiner Vergangenheit während des SS-Regimes und steht freimütig zu den begangenen Fehlern. Und es fallen kritische Äußerungen über Solidarität und unsere allgegenwärtige Ellbogenmentalität. Grass fasst zusammen und bringt es auf den Punkt, dass wir Träume brauchen, um nicht im Zynismus zu landen.

Julia Friedrichs fliegt für ihre Recherchen bis auf die Cayman Inseln, um sich mit Karsten Schröder zu treffen und führt ebenso mit dem unverbesserlichen Idealisten Peter Hartz ein Interview. Als aufrechten Vertreter seiner Zunft lernt sie den Bankier Frank Krings kennen, der im Zusammenhang mit der Finanzkrise der Hypo Real Estate einmal herbe Kritik an unserer Leistungsgesellschaft geübt hat. Und sie sucht Mojtaba auf, der sich mit seiner offen geäußerten Kritik an eben dieser Leistungsgesellschaft seine Zukunft verbaut hat. Wirklich beeindruckt haben sie eine Chirurgin, die sich selbstlos um Unfallopfer kümmert, eine Erzieherin, die nicht nach dem sozialen Stand oder dem Geldbeutel ihrer Schützlinge fragt und ein Mädchen, das sich mutig an die Gleise ketten lässt, um einen Zug mit Kriegsmaterial aufzuhalten. Sie sind Vertreter einer Minderheit, die noch an ihre Überzeugungen glaubt. Und dafür verzichten sie auf vieles. Selbst das Privatleben wird, wie im Fall des Europaparlamentabgeordneten Sven Giegold, hinten angestellt.

Die Autorin hat sich, wie an der ausgewählten Literatur ersichtlich, sehr gründlich auf die Arbeit zu ihrem Buch Ideale vorbereitet und ebenso für jedes Interview, das sie zu diesem Zweck geführt hat. Julia Friedrichs ist die Balance zwischen Fakten auf der einen Seite und eigenen Gedankengängen, gemischt mit Provokation, Ironie und Heiterkeit auf der anderen Seite sehr gut gelungen. Die immer wieder eingearbeiteten Unterbrechungen über die sprachlichen und motorischen Fortschritte ihres Sohnes sind für den Leser in keiner Weise störend, machen die Autorin nur umso sympathischer. Eine wirklich interessante Kombination! Julia Friedrichs provoziert durch Fragen und ihr Stil ist oft bitterböse.
Interessant sind auch die Gründe, die zum Absturz der Challenger 1986 geführt haben sollen. Doch wer sich jetzt fragt, wie das zum Thema passt, der müsste schon selbst Ideale von Julia Friedrichs zur Hand nehmen.

Julia Friedrichs, Ideale, Hoffmann und Campe 2011, gebunden, 272 Seiten, ISBN 978-3-455-50187-2, Preis: 19,99 Euro.

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2 Gedanken zu “Ideale von Julia Friedrichs

  1. Die Studentenunruhen der legendären 68er haben mich als damals 10-jährige nur am Rande tangiert. Aber zwei, drei Jahre später sah das schon anders aus und ich frage mich heute auch, was aus unseren Idealen geworden ist. Wir wollten die Welt verbessern, alles revolutionieren, aber ich sehe nichts davon realisiert! Es ist ruhig geworden in Deutschland. Zu ruhig!

  2. Danke für die tolle Rezension. Hat mir sehr gefallen. Falls jemand sich noch mehr für das Buch interessiert, es gibt ein Video zu einer Diskussion mit Julia Friedrichs über ihr Buch (ca. 5 Min. Länge) und ein TV- Bericht u.a. mit dem Schriftsteller Ingo Schulze über dieses Buch und das Thema drumherum (ca. 6 Min. Länge). Link: http://www.kehraus.blogspot.com

    Viele Grüsse,
    Daniel

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