Stahlstück von Sebastian Guhr ist eine Sammlung von 15 in sich geschlossenen Erzählungen. Ein ehemaliger Ministrant berichtet in „Echnaton der Zweite“ von stumpfsinniger Anwaltsarbeit und dass seine Kollegen ihre Gleichgültigkeit sogar vor sich selbst verbergen können. Nach einem alles vernichtenden Feuer hält sich das Gerücht, ein Junge kann durchs Feuer gehen ohne Schaden zu nehmen. In „Hüben wie drüben“ besucht eine Schwester ihren Bruder und es entwickeln sich Gespräche mit weiteren Gästen. Dabei geht es unter Anderem um die Arbeitsmoral, wobei ein Großteil der Bevölkerung nur zu Leistungen fähig ist, wenn sie sich prostituiert. Die Frage bleibt offen, wer hier auf Kosten anderer lebt.

Die Titelgeschichte „Stahlstück“ spielt an einem Ort, wo Fixerutensilien und Hundekot herumliegen und es nur unbrauchbare Bänke gibt. Eine Musikerin trifft auf einen Menschen mit nicht augenfälligem Geschlecht und unförmigem Körper. Für eine Eröffnungsfeier soll sie ein Stück komponieren und obwohl sie ihr bestes und gleichzeitig schlechtestes Stück fertig stellt, sagt sie doch ihren Auftrag ab. Während „Die Geschichte vom Meer, vom Himmel und einer kleinen Unendlichkeit“ von einem König handelt, der seine Selbstfindung sucht und sich diese von einer kleinen Unendlichkeit erhofft, will in „Panikwelt I“ ein Mensch seinen gefährlichen Gedanken von der Schippe springen. Dabei wird er panikartig von einem Dauerfeuer in blitzartiger Abfolge eingekreist.

„Tabori in Aspik“ gibt eine Unterhaltung von zwei Freunden über die Erfahrungen beim Arbeitsamt wieder. Gedanken über Obdachlose drängen sich ihnen auf. Wie sie, um sich das Elend vom Hals zu halten, artig eine Münze in den Becher werfen, obwohl sich ihrer Meinung nach die Obdachlosen das Geld auch auf ehrlichere Weise holen könnten, indem sie sie nämlich einfach ausraubten. Die Beiden kommen zu der Erkenntnis, dass die Gefahr in der Vollbeschäftigung liegt, weil sich die Behörde dann mangels Arbeitsloser selbst auflösen müsste. Der eine befindet sich in einer finanziellen Notlage und fragt sich, wie er die vier Wochen bis zur Bewilligung überbrücken soll.

Ein Fluggast sorgt sich in „Blindflug“ um den zu erwartenden Jetlag, hat er doch nach Ankunft einen Auftritt vor dreihundert Pappnasen in Armani-Anzügen zu bestehen, der sicher wieder zu einer Lachnummer wird. Er ist ein hoffnungsloser Realist und möchte nur für ein paar Sekunden seine Angst vor einem Absturz vergessen. Er ist für die Einführung von Todeskunde als Unterrichtsfach ab der Grundschule. Wie all die anderen Mitreisenden möchte auch er der drittweltigen Bananenbürgerkriegsrepublik entkommen. „Massaker am Morgen“ handelt von einem Jungen, der seine Oma zur Weißglut bringt, obwohl sie knallrot im Gesicht ist. Ein Mädchen hat er mit einem selbst geschnitzten Pfeil verletzt, die wiederum seine Angst vor einer Bestrafung schamlos ausnutzt.

In „Avatar“ werden in einem Mail-Austausch brave Leute kritisiert, die zwar jeden Sonntag in die Kirche gehen, sich aber über Astrologie lustig machen. Wärend in „Existenzieller Einsatz I“ eine Medizinstudentin ihre Prüfung abzulegen hat, handelt „Existenzieller Einsatz II“ vom Zufluss neuer Gedanken und der das Denken gestaltenden Sprache. Eine Denksportaufgabe über Angst und Mut und die Umwandlung von Angst in Selbstvertrauen wird aufgetragen, wobei zur Lösung der Aufgabe durchaus ein Wörterbuch und die Benutzung des Taschenrechners zugelassen sind.

Ein einsamer Mann erinnert sich in „Heiligabend auf der Oberbaumbrücke“ an einen Heiligabend vor zwei Jahren, wie er zu seinem Mädchen will, die er gelegentlich fickt. Doch sie öffnet ihm nicht und so macht er sich auf zu einem Bumslokal. Auf dem Weg trifft er einen Mann, der offensichtlich von der Brücke springen will und der meint, dass zuviel Denken nicht gesund ist. Ihm kann er das Leben retten, aber seine Nachbarin findet man tot auf, weil sie die Einsamkeit nicht mehr ertragen hat.

In „Burgi Stürzenhofegger-Katzenellenbogens Lösung und Leben im Zwischenraum“ hat Burgi unter seinem Nachnamen zu leiden und wird schon in der Schule gehänselt. Von seiner Frau wird er verlassen. Sie fehlt ihm nun, obwohl er Freundschaften immer für eine unnötige Verausgabung von Begeisterung gehalten hat. Menschen kann er nur in der Phase des Kennenlernens ertragen und er endet als Obdachloser. Einen einsamen Mann führt uns „Panikwelt II“ vor, der nicht mal eine Zeitung liest, weil ihm das nichts als Unordnung bringen würde. Und letztlich geht es in „Moderne Zeiten oder Mimose im Juxhaus“ um eine Busfahrt zu einem Amt, wo ein Orgelantrag gestellt werden soll. Während der Busfahrt äußert der Busfahrer, dass er sowohl die Niemals- als auch die Allesfahrer hasst.

Sebastian Guhr hat in Stahlstück manch ernste Themen so umgesetzt, dass man darüber schmunzeln muss. Er spart in seinen Stücken nie mit kritischen Untertönen und der Sarkasmus springt direkt ins Auge. Zumindest wird das in den Erzählungen deutlich, die einen realistischen Hintergrund haben. Guhr bedient sich aber auch phantasievoller Orte und der Leser fühlt sich in eine Märchenwelt versetzt. Wenn auch der Sinn einiger Textpassagen in Stahlstück von Sebastian Guhr nicht ganz erfasst werden kann, so sind die Geschichten doch interessant und machen nachdenklich.

Sebastian Guhr, Stahlstück, Chaotic Revelry Verlag 2010, Paperback 186 Seiten, ISBN 978-3-981-24574-5, Preis: 12,95 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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