Die Zeiten, in denen sich Jugendliche nur auf dem Schulhof gestritten haben, sind vorbei: Über das Internet werden Beleidigungen und Diffamierungen verbreitet und diskriminierende Fotos werden ins Netz gestellt. Eine repräsentative Umfrage der Techniker Krankenkasse kam zu dem Ergebnis, dass 32 Prozent (in NRW sogar 36 Prozent) der befragten Jugendlichen zwischen 14 und 20 Jahren in Deutschland bereits einmal Opfer einer Cybermobbing-Attacke waren.

In dem Psychothriller Matchbox Boy, der für Jugendliche der Altersgruppe von 14 bis 17 Jahren geschrieben wurde, hat sich Alice Gabathuler genau dieser Problematik des Cybermobbings und Cyberbullyings angenommen: Die verwöhnte und nach Anerkennung gierende 17-jährige Jorina kann ihre Eltern dazu überreden, in den Sommerferien zu Hause in St. Gallen zu bleiben. Ihre Tante Helene überrascht sie und ihre Freundinnen Dany und Leonie damit, dass sie den Gärtner beurlaubt und ihnen einen jungen Mann vorstellt, der für Garten und Pool zuständig sein soll. Da der Matchbox Boy, wie sie ihn nennen, wenig Interesse an ihnen zu haben scheint, wollen sie seine Aufmerksamkeit erregen. Sie schikanieren ihn und treiben es mit ihren weiblichen Reizen auf die Spitze. Als sie damit drohen, ihn wegen einer versuchten Vergewaltigung anzuzeigen, gerät „das Spiel“ außer Kontrolle.

Im Internet darf darüber abgestimmt werden, ob man mehr über die Geheimnisse einer „Nutte“, einer „Heiligen“ und einer „Falschen Schlange“ erfahren will. Schnell machen diesbezügliche Veröffentlichungen im Netz die Runde in der Schule und die Hetzjagd auf Jorina, Dany und Leonie beginnt. Sie verlieren ihre Freunde über Facebook und ihre Mitschüler sind begierig, die neuesten Updates der Abstimmungsergebnisse zu erfahren, denn sie sollen auch über eine Bestrafung der drei Mädchen entscheiden.

Alice Gabathuler fesselt den Leser sofort mit dem ersten Kapitel, in dem ein Mensch mit einer Kette um das Handgelenk an ein Sprungbrett gefesselt und dazu auch noch Schmerzen und Kälte ausgesetzt ist. Das alles erzählt die Protagonistin Jorina in der Ich-Form und der Leser wird mit verwirrenden Begriffen wie Schlund und Hölle, die er noch gar nicht einordnen kann, neugierig gemacht und zum unbedingten Weiterlesen animiert. Der Spannungsbogen wird gehalten, indem ein steter Wechsel zwischen dem Rückblick, wie alles harmlos begann und der ausweglos erscheinenden Situation von Jorina, erfolgt. Die Autorin liefert als Erklärung für das Verhalten der Jugendlichen, an derartigen Abstimmungen im Internet teilzunehmen, schlichte Neugier und pure Lust auf Action. Die Figur der Jorina ist vollkommen authentisch und der junge Leser wird mit ihr fühlen und bangen. Wenn die Geschichte vielleicht auch etwas überzogen und durch die Person des Matchbox Boy ein wenig unglaubwürdig scheint, so dürfte es kaum einem Leser gelingen, Matchbox Boy aus der Hand zu legen, nachdem er das Buch einmal aufgeschlagen hat.

Alice Gabathuler, Matchbox Boy, Thienemann Verlag 2012, Klappenbroschur, 288 Seiten, ISBN 978-3-522-20159-9, Preis: 12,95 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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