Wer wissen will, wie es in den vergangenen Jahrzehnten in Gladbeck – Vor und hinter den Kulissen aussah, wirft am besten einen Blick in das Buch von Brigitte Vollenberg. Aus eigenen Erlebnissen oder auch Erzählungen ihrer Bekannten weiß sie darin von Geschichten und Anekdoten zu berichten. So auch von der Entstehungsgeschichte der im Eingangsbereich des St. Barbara Krankenhauses aufgestellten Bronzestatue „Der kleine Fritz“ oder den über der Eingangstür zur Gaststätte Surmann befindlichen Schlussstein des Künstlers Gottfried Kappen. Mancher Leser wird erstaunt sein, wenn er von sieben Kinos liest, wobei im Stadttheater sogar bis Ende der 1950er Jahre Stars von Weltrang aufgetreten sind. Außerdem zählte man zum Ende des Jahres 1968 allein in Gladbeck 173 Schank- und Gastwirtschaften. Da werden Erinnerungen an eine unrühmliche Drogenszene, eine Diskothek und eine Oben-Ohne-Bar wach. Gegenüber vom Café Siebeck, das seinen Gästen als Besonderheit eine Spanische Vanilletorte und im Winter eine Erdbeertorte anbot, gab es sogar noch die Lido Bar, einen Nachtklub, und in der ehemaligen Kultkneipe Dietzel, so ist zu lesen, hat man auf einem Billardtisch ein Schwein zerlegt.

Mit dem Bau der Europabrücke hatte der Tunnel, der die Stadtteile Rentfort, Schultendorf und Zweckel mit der Innenstadt verband, ausgesorgt. Sehr zum Leidwesen der Kolpingfamilienmitglieder, die seitdem durch die Einstellung des Straßenbahnverkehrs auf eine Annehmlichkeit verzichten mussten. 1978 rollte die letzte Straßenbahn durch Gladbeck und machte damit Platz für eine Fußgängerzone. Mit einem Akkordeon ausgerüstete Straßenmusiker trieben nicht nur damals die Chefin eines Metzgereibetriebes in den Wahnsinn, sondern bis in die heutige Zeit hinein die Anwohner in diesem Bereich.

Bei Buschfort gab es für die Herren Anzüge, Hemden und Krawatten und kostenlosen Schwimmunterricht im Kaiser-Wilhelm-Bad, das erst 1967 mit dem Neubau des heutigen Hallenbades ausgedient hat. Von einem Einbruch, mitten im kalten Winter bei Betten Hutt, deren Räume heute das Eiscafé Dolomiti beherbergt, weiß die Autorin zu berichten und auch von einem nackten Mann, der durch den Teich am Wittringer Schloß während der Darbietung einer Dixieland Band schwamm.

Die Gladbecker feierten und verkleideten sich schon damals gerne zu Karneval und ab 1974 hielt die Tradition von Weiberfastnacht auch im Finanzamt Einzug. Sollte die heimische Küche einmal kalt bleiben, ging man auf ein knuspriges Grillhähnchen zum Hansa Grill nahe des Oberhofes oder zur Wilhelmstraße, wo im Bereich des heutigen Marktplatzes früher eine Pommesbude stand, die mit ihrer Currywurst zu den weltbesten gehört haben soll und auch die ersten Hamburger anbot.

Von der in dem Buch Gladbeck – Vor und hinter den Kulissen erwähnten „hervorragenden Auswahl an Geschäften“ und „engmaschigen Kneipendichte“ ist leider nicht mehr viel übrig. Bedauerlich ist auch, dass selbst die Eiscafés im Sommer früh schließen, wodurch selbst das Herzstück der Stadt am frühen Abend wie ausgestorben wirkt. Brigitte Vollenberg entführt den Leser in eine Zeit, als in den Wohnzimmern noch höhenverstellbare Wohnzimmertische und Klubsessel standen und die ersten Fußballspiele und Karnevalsumzüge im Fernsehen übertragen wurden. Wenn auch einige Rechtschreib- und Zeichenfehler zu bemängeln sind und Recklinghausen nicht westlich, sondern östlich von Gladbeck liegt, so dürfte das die Gladbecker in ihren Erinnerungen an die gute, alte Zeit nicht stören.

Brigitte Vollenberg, Gladbeck – Vor und hinter den Kulissen, Wartberg Verlag 2015, Hardcover, 80 Seiten, ISBN 978-3-8313-2426-2, Preis: 11,00 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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