
Die strickende Dame im achten Stock
Flora Sommergrün wohnt im achten Stock eines Hochhauses und ist froh über den vorhandenen Aufzug. Von ihrem Balkon blickt sie auf die Dächer der kleinen Stadt und die Bäume im angrenzenden Park. Stricken war stets ihre Leidenschaft – mittlerweile widmet sie sich am liebsten Schals. Wenn die Tage kürzer werden, sitzt sie vor dem Fernseher und strickt. Spannende Filme vertreiben dabei ihre Müdigkeit.
Einkaufen geht sie nur selten, lieber beobachtet sie Kinder auf dem Spielplatz. Denn Kinder liegen ihr besonders am Herzen.
Gespräche, Geschichten und Wolle in Blautönen
Im zweiten Stock lebt Leo. Ihm erzählt Flora, dass sie früher ein wildes Mädchen war. Wenn Leo krank ist, telefonieren sie stundenlang – obwohl sie sonst Telefonate nicht besonders mag. Eine weitere Ausnahme bildet ihre Tochter, die im Ausland lebt und mit der sie wöchentlich spricht.
Auch Wolle bestellt Flora telefonisch – in zahlreichen Farben, wobei Blau ihre Lieblingsfarbe ist. Als sie erneut eine Lieferung erwartet, türmen sich die Pakete im Flur bis zur Decke. Gleichzeitig geht eine Warnung an ältere Menschen, ihre Wohnung nur im Notfall zu verlassen. Zum Glück hilft Frau Müller aus dem vierten Stock und stellt ihr sämtliche Besorgungen vor die Tür.
Ein Schal voller Erinnerungen
Der Schal wächst weiter und füllt schon bald das ganze Wohnzimmer. Beim Stricken denkt sich Flora beruhigende Geschichten aus und erinnert sich an ihre Kindheit – an die Jahrmärkte und den Wunsch, einen Plüschhund an der Wurfbude zu gewinnen.
Als die Nachrichten an Dringlichkeit verlieren, geht sie wieder selbst einkaufen. Der Spielplatz füllt sich wieder mit Kinderlachen. Besonders freut sich Flora über die Spaghetti-Dienstage, wenn Leo nach der Schule bei ihr vorbeikommt.
Ein magischer Moment: Der Geschichtenschal wird öffentlich
Leo bewundert den gewaltigen Schal und wird inspiriert, eine ganz persönliche Geschichte zu erzählen – eine, die er noch nie geteilt hat. Um den Schal in voller Länge zu präsentieren, lassen sie ihn aus dem Fenster gleiten. Passanten bleiben stehen, staunen, fotografieren und klatschen begeistert. Der Applaus steigt bis in den achten Stock und scheint sogar die silbernen Flugzeugstreifen zu erreichen.
Zwischen Fantasie und Realität – Die Botschaft des Buches
Flora Sommergrün und der Geschichtenschal* von Juta Tanzer richtet sich an Kinder ab vier Jahren. Während die Kleinen die Geschichte genießen, könnten Erwachsene beim Vorlesen den subtilen Hinweis auf die Corona-Pandemie erkennen – etwa durch die Empfehlung, das Haus nicht zu verlassen, oder die seltenen Flugzeuge am Himmel.
Auch die pandemiebedingte Sperrung der Spielplätze wird sanft thematisiert – ein berührender Moment, der Erwachsene zum Nachdenken bringt.
Handarbeit als Verbindung zwischen den Generationen
Autorin Juta Tanzer nutzt das Stricken als Symbol der Generationenverbindung. Wer als Kind einer strickenden Person zusieht, wird oft von der wohltuenden Ruhe angesteckt. Das leise Klackern der Nadeln fördert Fantasie und weckt Erinnerungen – jede mit einer eigenen Geschichte.
Leider erleben Kinder heute nur selten solche ruhigen Momente mit Großeltern oder Nachbarn. Umso kostbarer ist dieses Kinderbuch mit den liebevoll gestalteten Illustrationen von Jill Goritschnig.
Flora Sommergrün und der Geschichtenschal von Juta Tanzer

Illustrationen von Jill Goritschnig
Achse Verlag 2025
Hardcover
32 Seiten
ISBN 978-3-903408-32-6