Engel des Vergessens von Maja Haderlap

Engel des VergessensDas Mädchen lebt mit ihren Eltern, Geschwistern und der Großmutter in Kärnten, nahe der slowenischen Grenze. Ihre Großmutter erzählt oft von früher, vom Krieg und vom KZ in Ravensbrück. Sie hat ihr Lagerheft noch aufbewahrt und blättert darin. Der Enkelin erzählt sie von ihrer Heimkehr und den vielen verhafteten Nachbarn, die in den Tod geschickt wurden. Auf Spaziergängen kommen sie an unbewirt- schafteten Höfen vorbei, deren Bewohner im Krieg geblieben sind. Die Enkelin hört, dass auch andere von ihrer Flucht berichten, wie sie im Lager überlebt haben und von Internierungslagern für Kinder ist die Rede. Sie besucht ein ehemaliges KZ und sieht dort den Vater zum ersten Mal weinen. Von einem Tonband hört sie die Schreie von Kindern, die nach der Mutter rufen.

Maja Haderlap lässt in Engel des Vergessens ein Mädchen in der Ich-Form von ihrer Kindheit berichten, wie sie mit der Großmutter für den Vater Zigaretten schmuggeln soll, wie sie mit einer Kindergruppe nach Bibione fährt und wegen eines traumatischen Erlebnisses Angst hat schwimmen zu lernen. Das Verhältnis der Eltern ist gespannt und manchmal sieht sie die Mutter weinen. Nach der Schulzeit zieht sie von zu Hause fort, um Theaterwissenschaften zu studieren. Hier finden sich deutliche Parallelen zur Biographie der Autorin. Denn auch sie hat diesen Studiengang für sich gewählt und ihr Heimatort Eisenkappel ist sicher nicht zufällig auch der ihrer Protagonistin. Es könnte sich fast schon um einen autobiographischen Roman handeln.

Maja Haderlap beginnt den Roman mit harmlosen Tagesabläufen der Ich-Erzählerin und flechtet nach und nach quasi eine zweite Geschichte ein, mit der das Mädchen konfrontiert wird. Wie die Großmutter ist auch ihr Vater in seiner Vergangenheit gefangen, die ihn immer wieder einholt. Als Partisan hat er im Krieg gegen den Nationalsozialismus gekämpft und berichtet von Partisanen, die von der Gestapo zusammengeschlagen wurden. Das Kind überkommt ein Frösteln und so ergeht es auch dem Leser. Die Erinnerungen an den Krieg gewinnen zunehmend an Dominanz und die Autorin wechselt an dieser Stelle ihren Sprachstil. Sie geht über zu langen Sätzen und setzt bewusst Wiederholungen ein.

Im Kern geht es um den im Mai 1955 geschlossenen österreichischen Staatsvertrag der Alliierten und um die Befreiung des ehemaligen Jugoslawien durch Partisanen. Maja Haderlap spricht über Österreich von einem verstellungsseligen Land, in dem zum Schluss natürlich niemand ein Großdeutsches Reich oder gar die Endlösung gewollt hat. Denunziationen waren an der Tagesordnung und viele haben Partisanen mit Kommunisten gleichgesetzt. Was aber nicht zwingend der Fall sein musste, denn auch Deserteure der deutschen Wehrmacht oder die Verhafteten, denen das KZ drohte, haben sich den Partisanen angeschlossen. Maja Haderlap ist es gelungen, auf einfühlsame Weise dem Leser das Festhalten der Menschen an ihrer Kultur nach dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland nahe zu bringen. Viele können die Geschehnisse ihrer Vergangenheit nicht verarbeiten und sind in einen Zwiespalt geraten. Glücklich können sich die schätzen, bei denen der Engel des Vergessens angeklopft hat!

Bildquelle: Wallstein Verlag

Engel des Vergessens von Maja Haderlap

  • Wallstein Verlag 2011
  • Hardcover mit Schutzumschlag
  • 288 Seiten
  • ISBN 978-3-8353-0953-1
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