Dreck am Stecken von Alexandra Fröhlich

Dreck am SteckenDer als Redakteur bei einer Zeitung beschäftigte Johannes wird von dem Heim, in dem sein an Alzheimer erkrankter Großvater untergebracht ist, über dessen Tod unterrichtet. Wenig später erhält er einen Anruf von Friedrich Löwe, der sich als ehemaliger Rechtsanwalt des verstorbenen Großvaters ausgibt und Johannes nebst seinen drei Brüdern zur Testamentseröffnung in die Kanzlei bittet. So informiert dieser seine Brüder: Jakob, der extra aus London nach Hamburg anreisen muss, den in Hannover niedergelassenen Chirurg Philipp und Simon, der wegen verkrampfender Anfälle mit seiner Betreuerin Ania auf dem Land lebt. Bei dem Zusammentreffen in der Kanzlei können die Brüder lediglich eine Kiste mit Fotos und losen Blättern, die ihnen der Großvater hinterlassen hat, in Empfang nehmen, worauf Simon unmittelbar mit einem Anfall reagiert.

Während Jakob und Philipp die Kiste am liebsten im Müll entsorgen wollen, überwiegt bei Johannes die Neugier. Ania bestärkt ihn darin, sich die Unterlagen anzusehen, denn seit dem Treffen haben sich die Anfälle von Simon gehäuft und er klagt über schlechte Träume, was kein Zufall sein kann. Tatsächlich entdeckt Johannes in einem Hohlraum der Kiste eine Kladde mit Tagebuchaufzeichnungen seines Großvaters, der von seiner Flucht nach Argentinien schreibt. Schließlich begeben sich die vier Brüder mit Ania nach Südamerika, um mehr über das Leben ihres Großvaters zu erfahren, der vermutlich Dreck am Stecken hatte.

Alexandra Fröhlich lässt Johannes in ihrem Roman in der Ich-Form erzählen, wobei er bei seiner Kindheit ansetzt. In der Plattenbau-Siedlung auf dem Osdorfer-Born in Hamburg lebt er mit seinen drei Geschwistern bei der rauchenden und trinkenden Mutter. Alle haben einen anderen Vater, wobei Jakobs Vater als Vorstandsvorsitzender einflussreich und vermögend ist. Zur Überraschung aller zieht eines Tages Großvater bei ihnen ein, von dem sie noch nie gehört haben. Nach einem Suizid der Mutter setzt sich Jakobs Vater dafür ein, dass die Kinder zusammenbleiben können und lässt den Großvater die Vormundschaft beantragen.

Das aktuelle Geschehen des Jahres 2008 wird immer wieder von Rückblicken der Heranwachsenden unterbrochen sowie von Tagebucheintragungen des Großvaters. Die Autorin hat alle Handlungspersonen mit unverwechselbaren Merkmalen ausgestattet. So stottert Johannes seit seiner Kindheit. Philipp ist in einer unglücklichen Ehe gefangen und dem Alkohol verfallen. Dagegen ist Jakob immer schon der Schwarm aller Mädchen gewesen und schlittert von einer Bettgeschichte in die nächste. Zudem hat er das Sagen, ist unerschrocken, äußerst selbstbewusst und hält sich als Unternehmensberater für etwas Besseres. Der jüngste Bruder, Simon, braucht Ruhe und ist vermutlich Spastiker. Er ist auf Hilfe angewiesen, die er in der Polin Ania gefunden hat. Sie spricht nur gebrochen Deutsch, was den Roman wie die unterschiedlichen Charaktere der Brüder ungemein belebt.

Alexandra Fröhlich hat sich mit der Vergangenheit des Großvaters, der Dreck am Stecken hat, einem wichtigen Thema gewidmet, das gerade in den letzten Jahren von Autoren vermehrt aufgegriffen wurde. Einmal mehr erinnert sie daran, dass viele Nazigrößen die Flucht nach Südamerika angetreten haben, um einer Verurteilung zu entgehen. Das im Roman erwähnte Gesetz, nach dem laufende Ermittlungsverfahren gegen Nazigrößen wegen der Verjährungsfrist eingestellt werden mussten, ist tatsächlich 1968 verabschiedet worden. Auch wenn der Plot ein dunkles Kapitel deutscher Vergangenheit zum Kern hat, so amüsieren den Leser zahlreiche Textstellen dank der von der Autorin gewählten Erzählperspektive, bei der Johannes redet, wie ihm „der Mund gewachsen“ ist. Interessant wird die Geschichte zudem durch den bemerkenswerten Zusammenhalt der Brüder, trotz immer wieder aufkeimender Differenzen. Die Entwicklung des lesenswerten Romans ist selbst mit viel Fantasie nicht vorhersehbar.

Dreck am Stecken von Alexandra Fröhlich

Dreck am Stecken
Penguin Verlag 2019
Klappenbroschur
320 Seiten
ISBN 978-3-328-10231-1

Preis: 15,00 €

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Bildquelle: Penguin Verlag | *Affiliate-/Werbelink


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