Das Streichelinstitut von Clemens Berger

Das Streichelinstitut
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Wer möchte nicht gerne gestreichelt werden? Doch in Zeiten sozialer Kälte, in der alles zur Ware wird und der damit einhergehenden Isolierung der Menschen, nehmen sich viele nicht mehr die Zeit für die kleinen Gesten ihrer Zuneigung. Da erscheint die Idee eines Streichelinstituts gar nicht mehr so absurd.

Nach dem Philosophiestudium geht es für den orientierungslosen Sebastian mit der eigenen Promotion nicht voran, stattdessen verfasst er Dissertationen für andere. Während eines Sommerurlaubs ersinnt er mit seiner Freundin Anna die Idee das Streicheln professionell zu betreiben, denn für Anna ist Sebastian ein sensationeller Streichler, der damit reich werden könnte. Die Idee zu einem Streichelinstitut entsteht. Die erste Regel: Nicht unterhalb der Gürtellinie und kein Sex.

Unter dem klangvollen Namen Severin Horvath will Sebastian einige Monate später das bahnbrechende Geschäftskonzept in der Mondscheingasse in Wien umsetzen. Zwischen Geschäften mit bunten indischen Kleidern, Yogakursen, Tarotlegern und Wahrsagern eröffnet er sein Institut für Lebensberatung, in dem sich jeder für eine Dreiviertelstunde streicheln lassen kann. Seine potentielle Kundschaft sucht er in der desillusionierten Mittelschicht. Doch nicht immer entsprechen die Kunden auch seiner Wunschgruppe.

So gehört Herr Nemeth, ein Ministerialbeamter, der zuletzt von seinem Vater gestreichelt wurde und von seinen Emotionen zu Tränen gerührt wird, zur Zielgruppe. Wohingegen die attraktive und wohlhabende Irene Fischer der Wunschgruppe entspricht. Sebastian kommt bei Männern wie Frauen gut an und wird zu einer lokalen Berühmtheit. Als er auf den Vorschlag der taffen Geschäftsfrau Irene Fischer eingeht und an ihr eine Yoni-Massage durchführt, bei der die Vagina der Frau massiert wird, sind Probleme vorprogrammiert…

Das Streichelinstitut ist ein amüsant erzählter gesellschaftskritischer Roman, in dem Sebastian durch einen Spagat zwischen marxistischen Idealen und kapitalistischem Lebenswandel zu scheitern droht. Clemens Berger klagt nicht nur den Neoliberalismus der heutigen Gesellschaft an, sondern auch eine esoterische Branche, die sich mit Urschreitherapie, Rebirthing und Selbstfindungskursen etabliert hat. Der Handlungsstrang gerät durch ausschweifende Überlegungen des Protagonisten, die nicht immer vom Leser nachvollziehbar sind, häufig ins Stocken. Berger, der Philosophie und Publizistik in Wien studiert hat, scheint von seinen Lesern eine geistige Entwicklung zu erwarten, die seiner eigenen entspricht. Der Roman ist deshalb nur bedingt zu empfehlen.

Clemens Berger, Das Streichelinstitut, Wallstein Verlag 2010, gebunden mit Schutzumschlag, 360 Seiten, ISBN 978-3-835-30619-6, Preis: 19,90 Euro.

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