Die verlorenen Töchter von Hannelore Hippe

Die verlorenen TöchterHannelore Hippe hat in ihrem Roman Die verlorenen Töchter das Schicksal der Kinder thematisiert, deren norwegische Mütter eine Beziehung zu einem deutschen Besatzungssoldaten in den Kriegsjahren von 1940 bis 1945 unterhielten. Von den Nationalsozialisten waren diese Beziehungen durchaus erwünscht, und für die Mutter und ihr Kind wurde vom Verein „Lebensborn“ bestens gesorgt. Doch nach dem verlorenen Krieg wurden viele der insgesamt rund zehntausend aus diesen Beziehungen hervorgegangenen Kinder in Kinderheime verschleppt, oft gegen den Willen und ohne Wissen der Mütter. Damit nicht genug: Die Staatssicherheit beraubte die Nachkommen ihrer Identität, in die fortan ein Stasi-Agent „schlüpfte“, während die wahre Person, die von der Bildfläche verschwinden musste, kaltblütig ermordet wurde.

Die Romanfigur Åse Evensen hat einen realen Hintergrund, ist zwanzig Jahre alt und lebt mit ihrem zwei Jahre jüngeren Bruder Asbjørn und den Eltern auf der Insel Senja in Nordnorwegen. Im Jahr 1942 fährt sie zur Arbeitsaufnahme eines Zuliefererbetriebs der Deutschen Besatzungsmacht in die Provinzhauptstadt Tromsø, wo sie in der Wäscherei eingesetzt wird. Obwohl ihr Bruder sie vor den Soldaten warnt, lässt sie sich auf die Beziehung zu dem Unteroffizier Kurt Thalbach ein. Beide freuen sich auf die gemeinsamen Wochenenden und haben die feste Absicht, nach dem Krieg zu heiraten. Doch dann wird Kurt denunziert und 1944 an die Ostfront strafversetzt. Nach dem Krieg wird Åse als Deutschenflittchen beschimpft, bringt im Juli 1945 Tochter Katrine zur Welt und kommt in ein Lager für Kollaborateure auf die Lofoten. Die kleine Katrine muss sie in ein Kinderpflegeheim geben. Jahre später ist sie fest entschlossen, Kurt in seinem Heimatort Dresden aufzusuchen.

Der Roman Die verlorenen Töchter beginnt im Jahr 1970 mit dem Auffinden einer verbrannten Leiche in Isdal, einer Insel bei Bergen. In nicht chronologischer Reihenfolge schreibt Hannelore Hippe vom Aufkeimen der Liebesbeziehung zwischen Åse und Kurt, die beide streng geheim halten müssen, vom Lebensweg der gemeinsamen Tochter Katrine, deren späteren Suche nach ihren Wurzeln, von der umgekehrten Suche der verzweifelten Åse nach ihrem Verlobten und ihrer Tochter sowie von der Aufgabe, die einer Spionen in der ehemaligen DDR zufiel. In kursiv gedruckter Schrift hat die Autorin anhand der polizeilichen Isdal-Akte Originalzitate der Enkelin von Åse eingeflochten.

Von den ersten Seiten an vermag der Roman den Leser zu fesseln, wobei Hannelore Hippe den Spannungsbogen immer straffer spannt. Es ist fast unmöglich, das Buch aus der Hand zu legen. Die Autorin hat sich mit allen Namen, Daten und Orte an die bekannten Fakten gehalten. Da sie das Land und insbesondere Isdal persönlich kennt, war es ihr auch möglich, Einblicke in das Leben und die Gewohnheiten der Norweger zu geben oder auch das Wetter anschaulich zu beschreiben, wenn das Land in der Polarnacht für zehn Monate in völlige Dunkelheit taucht. Ein spannender und interessanter Roman, dem ein echter Kriminalfall zugrunde liegt und der vor allem ein weiterer, unrühmliches Kapitel der deutschen Vergangenheit aufzeigt.

Bildquelle: dtv

Die verlorenen Töchter von Hannelore Hippe

  • dtv 2018
  • Klappenbroschur
  • 224 Seiten
  • ISBN 978-3-423-26205-7
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