Seit Beginn unserer Zeitrechnung werden Juden verfolgt und auch, wenn der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern bis heute andauert, war die Verfolgung im Dritten Reich wohl das schlimmste an ihnen begangene Verbrechen. In dem Roman Die radioaktive Marmelade meiner Großmutter von Ramona Ambs haben Romys Großeltern und Onkel Max den Holocaust überlebt. Ihre Enkelin Romy hört sie immerzu von den schlimmen Zuständen und dem ewig währenden Hunger in den Lagern reden, doch Genaues will man dem Kind nicht sagen. Romy, die ihre durch Heroin verstorbene Mutter nie kennengelernt hat, verdankt ihre Existenz nur dem Überleben ihrer Großeltern, was für das Kind eine viel zu große Last ist.

Romy schafft es auf das Gymnasium. Mit zwölf Jahren besucht sie erste Partys, wo ihr Henryk zeigt, wie sie sich Heroin spritzen kann. Als sie für ihn „anschaffen“ soll, verliebt sie sich in Grove. Doch auch dieses Glück währt nicht lange. Ihre Heroinsucht kann Romy mittlerweile nicht mehr kontrollieren und ihr bleibt nur der Weg auf den Straßenstrich, wo ihr die Freier für ungeschützten Verkehr „ohne Gummi“ mehr zahlen. Mit fast fünfzehn reißt sie mit Mehmet nach Istanbul aus, doch hat sie nach vier Monaten Sehnsucht nach ihrer Familie. Zurück in Deutschland wird Romy von allen ausgenutzt und betrogen. Sie gibt Hitler die Schuld für alles, da er alle „kaputt gemacht hat“, die ihr helfen könnten und als sie Gott um Antworten bittet, schweigt er nur.

Ramona Ambs beginnt ihren Roman Die radioaktive Marmelade meiner Großmutter mit Kapitel 135 und rechtfertigt das damit, dass allen Geschichten eine Vergangenheit zugrunde liegt und eigentlich nie mit einem ersten Kapitel anfangen dürften. Ihre Protagonistin lässt sie ihren Lebensweg, der sie von einer Sucht in die nächste führt, in der Ich-Form erzählen. Dem Leser fällt sofort auf, dass Romy vieles in naivem Tonfall hinterfragt. Was heißt es schon, will Romy wissen, wenn jemand „aus gutem Haus“ kommt. Ganz nüchtern und scheinbar ohne Betroffenheit erzählt sie vom Sauerstoff, der als Gas Leben rettet, während mit einem anderen Juden vergast wurden. In den Stationen ihres Lebens hat Romy Nachrichten über das Unglück von Tschernobyl, den Fall der Berliner Mauer, die Brandanschläge auf türkische Wohnhäuser in Mölln und Solingen, die tödlichen Schüsse auf Jitzchak Rabin, die Rede Martin Walsers in der Frankfurter Paulskirche und den Anschlag auf das World Trade Center verfolgt.

Mit einem ihr eigenen trockenen Humor wagt sich Ramona Ambs an das sensible Thema der Traumatisierung durch den Holocaust und zeigt am Beispiel von Romys Familie, dass nicht nur die Betroffenen darunter zu leiden haben, sondern auch noch die nachfolgenden Generationen, was ihr auch sehr eindrucksvoll gelungen ist. Ihre guten Recherchen zur antidotierenden Wirkung von Naloxon bei einer Heroinsucht, die tatsächlich innerhalb weniger Sekunden eintritt, sind ebenso lobenswert wie die Recherche über die nicht sofort eintretende Wirkung des Samens einer hawaiianischen Holzrose, die einen ähnlichen Wirkstoff wie LSD enthält. Auch die Bezeichnung, einen „Affen“ zu bekommen für eine Entzugserscheinung bei einem Heroinsüchtigen ist korrekt, nur dürfte das vielen Lesern unbekannt sein. Dessen ungeachtet ist Die radioaktive Marmelade meiner Großmutter aber ein bemerkenswerter erster Roman von Ramona Ambs!

Ramona Ambs, Die radioaktive Marmelade meiner Großmutter, U-Line Verlag 2013, Hardcover, 126 Seiten, ISBN 978-3-939239-46-8, Preis: 12,95 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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