Im Kriegsjahr 1942 wird es für die Juden in Amsterdam, das die Deutschen besetzt haben, immer gefährlicher. So auch für eine jüdische Mutter mit ihrer sechsjährigen Tochter Beatrix in dem Roman Die letzte Haltestelle. Als sie auf dem Weg zu einer Fluchthelferin sind, werden sie in einer Straßenbahn von deutschen Soldaten kontrolliert. Die Mutter wird abgeführt, während der Kontrolleur Lars das Kind kurzerhand als seine Nichte ausgibt. Doch wie sein Bruder Hans, der Fahrer der Straßenbahn, war er nie verheiratet und hat keine Ahnung, wie man mit einem Kind umgeht.

Nach Feierabend nehmen die beiden Brüder Beatrix mit zu sich nach Hause und vertrauen sich ihrer Nachbarin Frau Vos an. Sie sorgt dafür, dass die anderen Bewohner der Straße das Kind nicht, und Beatrix wird vorsichtshalber in katholischer Religion unterrichtet. Gemeinsam überstehen sie eine vom Hunger geprägte Zeit, da die Deutschen die Ernte beschlagnahmt haben. Im Mai 1945 werden sie von den heranrückenden Kanadiern befreit, auch die Mutter von Beatrix hat den Krieg überlebt und kann ihre Tochter glücklich in die Arme schließen.

Sharon E. McKay schreibt in ihrem Kinderbuch Die letzte Haltestelle von dem Schicksal der Juden in Amsterdam und den Ängsten, denen die Bevölkerung ausgesetzt war, wenn sie einen Juden bei sich aufgenommen haben. Würde es nicht immer wieder Menschen wie die im Roman erwähnten Brüder Lars und Hans gegeben haben, die sich mutig den Drohungen widersetzt haben, wären noch mehr Menschen in die Konzentrationslager verschleppt worden. Die Autorin macht deutlich, dass Menschen versteckt gehaltene Juden für Geld verraten haben und Denunziationen an der Tagesordnung waren. Sie schreibt von im Untergrund agierenden Menschen, vom Risiko der Fluchthelfer und von der Familienzusammenführung durch das Rote Kreuz nach Kriegsende.

Die jungen Leser erfahren auch etwas darüber, was für die Bevölkerung während des Krieges galt: Jeden Abend setzte eine Sperrstunde ein, die Fenster mussten verdunkelt werden und Lebensmittel waren nur begrenzt mit ausgegebenen Marken erhältlich. In einem Nachwort sind noch einmal Fakten zu den Kriegsjahren in Amsterdam festgehalten. Der für Kinder ab Ende der Grundschulzeit zu empfehlende Roman ist mit aussagekräftigen Illustrationen von Timo Grubing unterstrichen. Wenn Sharon E. McKay das schwierige Thema auch kindgerecht umgesetzt hat, so wäre es doch sinnvoll, wenn ein Erwachsener dem jungen Leser für Fragen zur Verfügung steht beziehungsweise ihn bei der Verarbeitung des doch sensiblen Themas unterstützt.

Gleich auf den ersten Seiten sorgt ein Druckfehler einer falschen Jahreszahl für Verwirrung: Die Handlung des Buches beginnt im Jahr 1942. Wenig später ist die Rede davon, dass vor zwei Jahren die Deutschen am 10. Mai 1942 in den Niederlanden einmarschiert wären, was einen Zeitsprung der Handlung um zwei Jahre suggeriert. Erst nach und nach wird klar, dass das nicht der Fall ist, weil der Einmarsch bereits 1940 stattfand und die Geschichte chronologisch aufgebaut ist.

Sharon E. McKay, Die letzte Haltestelle, cbj Verlag 2017, Hardcover, 176 Seiten, ISBN 978-3-570-17250-6, Preis: 14,99 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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