Nachdem Robert und Matze reichlich Alkohol konsumiert haben, beschließen sie, einen Molotowcocktail in eine Flüchtlingsunterkunft zu werfen. Matzes ehemalige Freundin Beate können sie als Fahrerin gewinnen. Robert wirft den selbst gebastelten Brandsatz durch eine Fensterscheibe, und nur einem glücklichen Umstand ist es zu verdanken, dass niemand der Bewohner getötet wird. Für sein Jugendbuch Anschlag von rechts, das auf einer wahren Begebenheit beruht, hat Reiner Engelmann mit den betroffenen Flüchtlingen gesprochen und lediglich ihre Namen geändert:

Frozan flüchtete mit ihrer Familie aus Afghanistan, wobei sie einen beschwerlichen Weg, über weite Strecken auch zu Fuß, über Pakistan, Griechenland, Mazedonien, Kroatien und Serbien bis nach Deutschland zurückgelegt haben.
Mathuk aus Somalia musste mit ansehen, wie sein Bruder erschossen wurde und wollte sich mit erst sechzehn Jahren nicht als Kämpfer rekrutieren lassen. Monatelang war er alleine unterwegs, fiel sadistischen Polizisten in die Hände und hatte zum Glück einen Freund, der ihn rettete.
Akilahs Eltern hatten in Syrien eine Arztpraxis. Die Familie opferte ihre gesamte Habe für die Flucht, die sie über den Libanon, die Türkei und Schweden bis nach Deutschland führte.
Nachdem ein Kollege von Rechtsanwalt Khosa aus Pakistan einschließlich seiner Frau und Kinder ermordet wurde und Khosa eine Morddrohung erhielt, hat auch er seinen Besitz zu Geld gemacht und die Flucht aus seiner Heimat angetreten.
Um wenigstens ihren Kindern das Schicksal ihres getöteten Mannes zu ersparen, entschloss sich auch Mary aus Simbabwe zur Flucht.

Bevor Reiner Engelmann in seinem Jugendbuch die Beweggründe der Flüchtlinge in eindrucksvollen Schilderungen nachzeichnet, gibt er eine erklärende Einleitung ab, um danach in einem zweiten Teil den eigentlichen Tathergang zu schildern, wie er sich nach den Ermittlungen ereignet hat. Als Beobachter der Gerichtsverhandlungen lässt er in Dialogform die Vernehmung der drei in Untersuchungshaft genommenen Täter folgen. Er beleuchtet die Sicht ihrer Mütter auf die Tat und schließt mit dem Kreuzverhör der Angeklagten während des Prozesses, dem Plädoyer des Staatsanwaltes und der Verteidiger sowie mit dem richterlichen Urteilsspruch.

Das Buch wirft kritische Fragen dahingehend auf, ob der Schule oder den Eltern, die in ihrer Gedankenlosigkeit oftmals einfach alles hinnehmen, ein Versagen vorgeworfen werden kann. Besonders nachdenklich stimmen die im Nachwort aufgeführten Fluchtursachen, deren Ursprung zum Teil durch die Politik unserer westlich orientierten Staaten zu suchen ist. Mit anderen Worten, so macht Reiner Engelmann deutlich, sind die vielen Asylanten, die bei uns Zuflucht suchen, „hausgemacht“, und wer den Zustrom unterbinden will, müsste genau an den von ihm genannten Punkten ansetzen. Denn die Lösung des Dilemmas, auf der einen Seite die Flüchtlinge nicht ihrem Schicksal zu überlassen und sie auf der anderen Seite dazu zu bewegen, in ihren Heimatländern zu bleiben, wo sie durchaus auch gebraucht werden, kann nur darin liegen, dass sie keinen Grund haben, sich auf eine Reise in eine ungewisse Zukunft zu begeben.

Das Buch Anschlag von rechts, das ein wichtiges Thema anschneidet, ist nicht nur für Jugendliche ab dreizehn Jahren interessant, sondern auch für jeden Erwachsenen und besonders für Erziehungsberechtigte, die dem umfangreichen Glossar entnehmen können, worauf sie bei ihren Kindern achten sollten, um später nicht ahnungslos dazustehen. Doch ist die Lektüre nur bedingt zu empfehlen, denn ob die vorgestellten Vita der Flüchtlinge so, wie von Reiner Engelmann dargestellt, repräsentativ sind, ist zweifelhaft. In einem Interview mit der Zeit zeichnet Bildungsökonom Ludger Wößmann ein ganz anderes Bild: Er spricht im Bezug auf das Bildungsniveau der Flüchtlinge von „unbewiesenen Vermutungen“ und davon, „dass zwei Drittel der Schüler in Syrien nur sehr eingeschränkt lesen und schreiben können, dass sie nur einfachste Rechenaufgaben lösen können“ und selbst dann, wenn sie unsere Sprache gelernt haben, dem Unterrichtsgeschehen nicht folgen können.

Reiner Engelmann, Anschlag von rechts, cbj Verlag 2017, Hardcover, 185 Seiten, ISBN 978-3-570-17437-1, Preis: 14,99 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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