Die Annäherung von Anna Mitgutsch

Die AnnäherungTheo ist in zweiter Ehe über vierzig Jahre mit Berta verheiratet. Sein Verhältnis zu seiner Tochter Frieda aus erster Ehe war spätestens ab dem Zeitpunkt belastet, als die Achtjährige von ihrem Vater wissen wollte, ob er als Soldat in Russland Verbrechen begangen hat. Frieda war erst zwölf Jahre alt, als ihre Mutter verstarb, und der Einzug von Berta in das Haus hat die Entfremdung von Theo zu Frieda noch vergrößert. Berta hatte ihr sogar ein Hausverbot erteilt, so dass sie ihren Vater allenfalls nur heimlich besuchen konnte. Seit mehr als zehn Jahren hat Frieda ihren Vater nicht mehr gesehen, als sie ihn im Spital besucht, nachdem er einen Unfall hatte. Von den Sprachlähmungen erholt sich der Sechsundneunzigjährige wieder. Doch dann erleidet Berta einen Herzinfarkt und muss ausgerechnet die verhasste Stieftochter bitten, sich um Theo zu kümmern. Nach Bertas Genesung bleibt den beiden alten Leuten keine andere Wahl und sie müssen die Hilfe der Pflegerin Ludmilla aus der Ukraine in Anspruch nehmen. Die Spannungen im Haus nehmen zu, die Stimmung wird zunehmend schlechter und sowohl Theo, als auch Berta reagieren immer gereizter.

Anna Mitgutsch hat für ihren Roman Die Annäherung zum einen die Erzählperspektive gewählt, wenn von Theo die Rede ist, und im Wechsel seine Tochter Frieda in der Ich-Form berichten lassen. Auf diese Weise hat die Autorin die unterschiedlichen Sichtweisen von Vater und Tochter verdeutlichen können, wenn es um deren jeweilige Betrachtungen zu den Geschehnissen im Krieg geht. Die grausamen Verbrechen der Wehrmacht an der Zivilbevölkerung werden von ihr anfangs nur kurz erwähnt, gewinnen jedoch im Handlungsverlauf zunehmend an Bedeutung. In diesem Zusammenhang hat die Autorin umfangreich recherchiert und erinnert an eine Vielzahl von Kriegsverbrechen.

Auf eine sehr eigene, eindringliche Weise schreibt Anna Mitgutsch vom Krieg und regt den Leser zum Nachdenken an. Die Tochter, so gibt sie zu bedenken, macht es sich mit Schuldzuweisungen gegenüber ihrem Vater zu einfach. Das trifft auch auf ihre immer gleichen Fragen zu, was er denn im Krieg gemacht hätte. Im Gegensatz dazu wäre Theo lieber gefragt worden, wie er sich als Soldat gefühlt hat und wie es ihm ging. Beeindruckend sind auch die von der Autorin aufgeworfenen Fragen: „An welchem Punkt wird Gleichgültigkeit zur Schuld“ und wann „Schwäche zum Vergehen“? Welche Ironie des Schicksals ist es, wenn tatsächlich jüdische Grabsteine zum Bau der Konzentrationslager Verwendung gefunden haben, wie im Buch zu lesen ist.

Wer Lustiges, Spannendes oder überraschende Wendungen erwartet, sollte den Roman Die Annäherung besser gar nicht erst zur Hand nehmen. Da jeglicher Adrenalinschub ausbleibt und wörtliche Reden so gut wie gar nicht vorkommen, findet das Buch bei der „breiten Masse“ kaum Anklang. Überwiegend geht es um in der Vergangenheit liegende Ereignisse, die den Leser ermüden können und seine volle Konzentration erfordern. Das gegenwärtige Geschehen wird erst lebhafter, als Frieda mit ihrem treuen Freund Edgar in die Ukraine reist, wo sie Lemberg und die Bukowina besuchen. Anna Mitgutsch hat auch hier wieder interessante, historische Hintergrundinformationen eingebaut. So wenig der Plot über weite Strecken mit „wirklichen“ Ereignissen aufwarten kann, umso deutlich wird aber auch von den ersten Seiten an die Erzählkunst dieser großartigen und begnadeten Autorin.

Anna Mitgutsch, Die Annäherung , btb Verlag 2018, Taschenbuch, 448 Seiten, ISBN 978-3-442-71591-6, Preis: 11,00 Euro.

Bildquelle: btb Verlag

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