
Eine Familie am Scheideweg
Bengt Sund lebt mit seiner Frau Mariette und dem fast achtzehnjährigen Sohn Erik in Stockholm. In seiner Eigenschaft als Psychiater soll er in Kapstadt einen Vortrag halten. Für die Zeit seiner Abwesenheit beschließt das Ehepaar, auf jeglichen Kontakt zu verzichten, da noch unklar ist, wie es mit ihnen weitergehen soll. Mariette hat erfahren, dass Bengt ein Verhältnis mit seiner Arbeitskollegin hatte. Ohne einen Abschiedsgruß verlässt er das Haus.
Begegnung über den Wolken
Durch eine unglückliche Verkettung von Missverständnissen weist Bengts Boardingkarte nicht den gewünschten Platz am Gang aus. Er bittet seinen Sitznachbarn, den Platz mit ihm zu tauschen. Da in London, wo die Maschine zwischenlanden soll, dichter Nebel herrscht, verzögert sich der Abflug. Bengt kommt mit seinem Sitznachbarn Christian Leander ins Gespräch. Über sein Privatleben gibt Bengt selten etwas preis und ist selbst überrascht, dem Unbekannten, dem er seine Visitenkarte überreicht, von seiner Frau und seinem Sohn zu erzählen.
Ein Fremder vor der Haustür
Während Bengt an der Konferenz in Südafrika teilnimmt und sich dort – im vollen Bewusstsein, seine Ehe aufs Spiel zu setzen – mit seiner ehemaligen Patientin Anna van der Vyver trifft, fährt Christian Leander zu der auf der Visitenkarte angegebenen Adresse. Bei Mariette gibt er sich dreist als Arbeitskollege ihres Mannes aus, für den er aus dessen Arbeitszimmer einen USB-Stick holen soll. Mariette ist zwar erstaunt, zumal ihr Mann nie einen Arbeitskollegen erwähnt hat, gewährt ihm jedoch Einlass.
Der Schmetterlingseffekt im Roman
Håkan Bravinger wendet in seinem Roman Bevor wir fallen* den Schmetterlingseffekt an: Eine kleine Änderung kann eine völlig unerwartete Wendung nach sich ziehen. Zum ersten Mal zeigt sich dies in einem Rückblick, bei dem die Familie vor Jahren einen Ausflug in einen Vergnügungspark machte. Nicht Erik kam bei einem Unfall in der Achterbahn ums Leben, sondern sein Sitznachbar. Dieses Ereignis wird später jedoch nicht erneut aufgegriffen, wodurch es bedeutungslos und überflüssig wirkt. Dass Bengt Sund und Christian Leander durch das Tauschen ihrer Plätze ins Gespräch kamen, ermöglichte erst den Besuch von Christian bei Bengts Frau.
Parallel verlaufende Schicksale
Im Wechsel erzählt der Autor von den Geschehnissen seiner Figuren: In Kapstadt trifft sich Bengt mit Anna van der Vyver in einem Hotel. Zwar liebt er seine Frau weiterhin, doch fühlt er sich sexuell nicht mehr zu ihr hingezogen. Mit Anna klettert er auf den Tafelberg und blickt aufs Meer, wo Atlantik und Indischer Ozean zusammentreffen. Sie berichtet von ihren Reportagen, die sie an Kriegsschauplätze in alle Erdteile führten.
In Stockholm trainiert Christian Leander auf einem Rudergerät und leidet unter den Enthüllungen in den Tagebüchern seines Vaters – ein düsteres Kapitel seiner Kindheit. Bereits im Flugzeug hatte er gesagt: „Ich will doch nur jemanden lieben können.“ Bengt war damit überfordert, ebenso wie der Leser, der die Bedeutung nicht sofort versteht. In weiteren Kapiteln geht Mariette ihrer Arbeit als Lehrerin nach, besucht frühere Freundinnen, und Erik spielt Fußball oder verbringt Zeit mit Freunden.
Spannung bis zum letzten Satz
Håkan Bravinger vermag den Leser mit seinem Roman Bevor wir fallen* von den ersten Sätzen an zu fesseln. Immer wieder hält man den Atem an und rechnet mit dem Schlimmsten. Besonders die Rolle von Christian Leander wirft Fragen auf: Handelt es sich bei ihm um einen Psychopathen? Er gibt sich nicht nur als Bengts Arbeitskollege aus, sondern treibt sein Spiel noch weiter. Sein Verhalten bleibt mysteriös, und auch wenn Mariette gelegentlich ein ungutes Gefühl beschleicht, wundert sie sich nicht, dass Christian immer Zeit hat und offenbar nicht arbeitet. Der Plot sorgt bis zum Schluss für überraschende Wendungen – und lässt den Leser mit einem ungewissen Ende verstört zurück.
Bevor wir fallen von Håkan Bravinger

Übersetzung von Paul Berf
btb Verlag 2019
Taschenbuch
400 Seiten
ISBN 978-3-442-71814-6