Welche Stimmung wird sich wohl unter elf Menschen entwickeln, die sich nur zum Teil kennen und für einige Tage auf mehr oder weniger engem Raum miteinander auskommen müssen? Wenn ihnen der Jugo, der heiße Wüstenwind aus der Sahara, wie der Scirocco in Kroatien genannt wird, die Gedanken vernebelt und ihre Nerven bis aufs Äußerste strapaziert? Nataša Dragnić hat diese Fragen in ihrem Roman Der Wind war es verarbeitet und wohl nur ein Mensch, der diese Gegend seine Heimat nennt, kann den sich ankündigenden Wetterumschwung, „der in den Knochen, auf der Haut und in der Nase gespürt“ wird, so eindrucksvoll wie die Autorin schildern.

Aus München begibt sich eine Gruppe junger Leute auf den Weg zur Insel Brać in Kroatien, um für ein Laientheater zu proben. Julia, die dort mit Toma wohnt, hat ihrer Nichte Barbara für die Zeit das Gästehaus abgetreten. Sie empfängt Barbara mit ihrem Freund Stefan, der das Theaterstück geschrieben hat, den Regisseur Anton und die drei Studenten Michael, Lisa und Katrin herzlich. Die Zimmer sind noch nicht verteilt, da werden erste Unstimmigkeiten bezüglich der Arbeitsmoral laut. Katrin, die immerzu mit drei Brillen gleichzeitig herumläuft, ist auf Lisa eifersüchtig, die in dem Stück die Geliebte von Michael sein darf. Julia sieht ihre Ruhe in der Abgeschiedenheit der Bucht gefährdet, und Toma, zu dem sie ohnehin eine schwierige Beziehung unterhält, kämpft gegen seine Erinnerungen an den Krieg.

Die ohnehin angespannte Situation verschärft sich mit Nikola, den Barbara eines Tages mit ins Gästehaus bringt. Dann zieht über Nacht der für den Monat Mai so berüchtigte Sturm Jugo auf, und zu allem Überfluss stehen eines Tages auch noch Jens und Simon, zwei weitere Besucher aus München, vor der Tür. Sie alle müssen sich die folgenden Tage arrangieren und verbringen notgedrungen viel Zeit miteinander, bis einer von ihnen nach der letzten Sturmnacht tot aufgefunden wird.

Nataša Dragnić beginnt den Roman mit einer abenteuerlichen und gefahrvollen Fahrt mit einem Kombi auf unwegsamem Gelände, wie es wohl auf der Insel Brać nicht ungewöhnlich ist. Den Umgang, den die Gruppenmitglieder untereinander pflegen und die spürbar knisternde Spannung machen den Leser von Anfang an auf den Fortgang der Geschichte neugierig, nach dem Motto: Das kann ja heiter werden! Von dieser Fahrt einmal abgesehen, spielt sich die gesamte Handlung nur in den beiden Häusern, dem Wohnhaus der Tante und dem Gästehaus, sowie dem dazwischen liegenden Strandabschnitt ab, wobei in der bildreichen Sprache der Autorin ihre Liebe zu ihrem Land deutlich wird. Sie schildert den Alltag der so verschiedenen Menschen, die gemeinsam am Tisch sitzen, miteinander reden, in Gedanken versinken, Gefühle füreinander entwickeln oder auch missgünstig werden. Immer wieder ist der Krieg ein Thema, über den Toma nicht reden kann. Doch der Tod von einem der elf macht sie alle nachdenklich und lässt einiges zur Nebensache werden.

Wie bereits in ihrem Bestseller Immer wieder das Meer spielen auch im Roman Der Wind war es von Nataša Dragnić, in dem bezeichnenderweise einer der letzten Sätze auch mit „immer wieder das Meer“ schließt, das Meer und verworrene Beziehungsgeflechte eine bedeutende Rolle. Die Autorin hat wieder einmal ihr Talent in einem sprachgewaltigen Roman unter Beweis gestellt, dem man sich kaum zu entziehen vermag.

Nataša Dragnić, Der Wind war es, ars vivendi verlag 2016, Hardcover mit Schutzumschlag, 216 Seiten, ISBN 978-3-86913-622-6, Preis: 19,90 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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