Eine fiktive deutsche Kleinstadt namens Netzig, Ende des 19. Jahrhunderts: Diederich Heßling wächst in der strengen Erziehung der wilhelminischen Epoche auf. Der Vater ist ein patriarchalischer Kleinunternehmer, der zu heftigen Strafen greift, in der Schule wird militärischer Gehorsam gefordert und die Individualität gebrochen. Diese extremen Erziehungsmethoden machen aus Diederich ein Paradebeispiel des autoritären Charakters – gegenüber Vorgesetzten und Höherstehenden zeigt er sich unterwürfig, gegenüber Schwächeren spielt er gnadenlos seine Macht und Dominanz aus. Diederich beginnt ein Chemiestudium in Berlin, wo er sich einer Studentenverbindung anschließt, die sein neues Denken zusätzlich fördert. Zurück in seiner Heimatstadt, übernimmt er die Fabrik des verstorbenen Vaters und schaltet durch Intrigen seine Konkurrenten aus. In fanatischer Verehrung des Kaisers Wilhelm II. steigt er zur wichtigsten Person der Stadt auf.

Heinrich Manns Der Untertan präsentiert sich als eine scharfe, bitterböse Satire über die wilhelminische Epoche und die deutschnationale Politik, die letztlich im Ersten Weltkrieg mündete. Der Untertan wird nicht als solcher geboren, sondern durch unmenschlichen Drill seiner Umwelt zu einer solchen Gestalt geformt. In seiner ausufernden Bewunderung für den Kaiser wird der Protagonist zu einer Karikatur, die als Höhepunkt der Lächerlichkeit sogar das Aussehen des Kaisers imitiert. Jegliche Individualität wird zugunsten einer fanatischen Monarchentreue aufgegeben, Befehle von Höhergestellten bedingungslos befolgt und alle Schwächeren gnadenlos unterdrückt. Heinrich Mann zeichnet mit seinem Roman ein politisch, psychologisch wie auch literarisch bedeutsames Werk, das die gern glorifizierte Ära des biederen Wilhelminismus durchleuchtet und seine Schattenseiten entlarvt, die das Vorkriegsdeutschland zu einer Sammelgrube für nationalistische und faschistische Gedanken und Ideologien machte. Die Kritik an Obrigkeitszwängen, an der Unterdrückung der Individualität und am blinden Gehorsam sind zeitlose Themen, die das Buch auch hundert Jahre nach Erscheinen aktuell halten und auch auf andere Länder anwenden lässt. Geschickt ist auch die Einbindung von Originalzitaten des Kaisers, die dem Werk einen authentischen Anstrich verleihen.

Der Untertan ist allerdings alles andere als leichte Kost und verlangt seinem Leser eine gehörige Portion an Aufmerksamkeit ab. Heinrich Mann benutzt eine heute als altertümlich empfundene Sprache, die Dialoge sind oft mühsam zu lesen und alles andere als realistisch. Auch sind Hintergrundkenntnisse über die politischen und historischen Verhältnisse sehr hilfreich, um der Handlung immer folgen zu können, ansonsten kann die Lektüre leicht zu einer Qual werden.

Heinrich Mann, Der Untertan, Fischer Verlag 2008, Taschenbuch, 447 Seiten, ISBN 978-3-596-90026-8, Preis: 9,00 Euro.

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Über den Autor: Michael Petrikowski

Ich lese seit über 45 Jahren Sachbücher aus unterschiedlichen Wissensgebieten und über diverse Themen. Meine große Leidenschaft gehört allerdings der zeitgenössischen Literatur, wobei mein Hauptinteresse den deutschsprachigen Autoren gilt. Erich Maria Remarque, Hans Fallada, Heinrich Böll und Günter Grass, um nur einige Autoren zu nennen, haben mich in meiner Jugend geprägt. Seit 2008 schreibe ich kurze und prägnante Buchbesprechungen über Belletristik sowie über Sachbücher zu verschiedenen Themen.

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