Mit dem Begriff Mythos werden Sagen, Märchen und Legenden verbunden. Tatsächlich ähneln sie sich oftmals und stützen sich auf eine lange Tradition. Diese sehr alten Erzählungen enthalten meist religiöse oder magische Vorstellungen. Menschen und Kulturen wollen damit ihre Weltanschauung zum Ausdruck bringen. Auch wenn heute noch viele Menschen davon überzeugt sind, dass die zu einem Mythos gewordene Überlieferung der Wahrheit entspricht, kann sie keiner rationalen Prüfung standhalten. Der historische Roman Der Sohn der Amazone von Stefanie Philipp befasst sich mit der griechischen Mythologie kämpferischer Frauen, den Amazonen. In einer Ausstellung zu den Amazonen im Historischen Museum Speyer, die dort bis Februar 2011 zu sehen war, hieß es, dass der Mythos der Amazonen der Fantasie von Männern entsprungen ist, weil sie die Vorstellung von Frauen in Kämpfergestalt reizte.

Für das Volk der „Freien Frauen“ in dem Roman Der Sohn der Amazone ist jeder Mann eine Bedrohung, den es notfalls zu töten gilt. Erlangt ein Mädchen die Geschlechtsreife, wird sie zur „Segnung“ mit einem eigens zum Zweck der körperlichen Vereinigung bestellten „Menschenwolf“ zusammengebracht. Die Tradition erwartet von ihr, in ihrem Leben zwei Mädchen zu gebären, womit sie der „Großen Mutter“ eine Freude macht. Sollte sie jedoch einen „Wolf“, also einen Jungen zur Welt bringen, muss dieser der „Großen Mutter“ geopfert werden, was für jede von ihnen eine „Große Prüfung“ bedeutet.

Die knapp 30-jährige Raván ist eine „Freie Frau“ und mit ihrer Tochter Hastee zu Pferd unterwegs. Sie will Pelze gegen ein neues Pferd eintauschen. Auf dem Nachhauseweg zu den Weidegründen ihrer Familie begegnen sie zunächst den Menschenwölfen. Noch bevor Mutter und Tochter ihr Ziel erreichen, wird Hastee verletzt und ist bewusstlos. Zu allem Überfluss setzen bei Raván nun auch noch die Wehen ein und sie ist auf sich allein gestellt. Das Neugeborene ist ein Junge und Raván ist innerlich zerrissen zwischen dem beschützenden Mutterinstinkt und den Traditionen, denen sie sich beugen muss.

Stefanie Philipp beweist mit Der Sohn der Amazone, dass ein historischer Roman auch ohne ein Liebesabenteuer spannend sein kann. Da es für das hier beschriebene Volk keine greifbaren Belege gibt, fehlen auch die sonst üblichen Jahreszahlen oder Ortsangaben. Die Autorin hat sich von ihrer Fantasie leiten lassen, wobei sie durchaus auch auf Wissen anderer alter Kulturen zurückgegriffen hat. Ebenfalls studierte Stefanie Philipp Bräuche vergangener Kulturen, versetzte sich in die Lage der Frauen und konnte sich so eine Vorstellung von ihrem Leben machen. Die Begegnungen zwischen den Amazonen und den Menschenwölfen werden im Buch auf beiden Seiten grausam und brutal geschildert. Über kleine medizinische Ungenauigkeiten mag ein auf diesem Gebiet versierter Leser stolpern, doch der durchweg spannenden Handlung von Der Sohn der Amazone tut dies keinen Abbruch.

Stefanie Philipp, Der Sohn der Amazone, CreateSpace 2012, Broschur, 370 Seiten, ISBN 978-1-477-61216-3, Preis: 11,50 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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