Kriminalhauptkommissar Wilfried Lichter und seine Kollegen Oliver, Martina, Veronika und Carsten vom K4 in Berlin bekommen bei der Suche nach neun innerhalb der letzten fünfundzwanzig Stunden verschwundenen Kindern völlig unverhofft Unterstützung durch ein von Europol beauftragtes Team. Allerdings sind sie nicht nur von den eigenwilligen Outfits der Kollegen irritiert, sondern auch vom Befehlston ihrer Chefin Jenny, die im Schneidersitz auf den Tischen sitzt, trotz Verbot raucht und alle ungefragt duzt. Für das bestens ausgebildete Team um Marie, Paul, Sarah, Ben und Tom ist Jenny der „Boss“, und sie folgen ihren präzisen Anweisungen, die eine strikte Umsetzung erfordern. Doch die Kollegen aus Berlin wähnen sich in einem Albtraum und kapitulieren schließlich.

Bisher haben die Kidnapper weder eine Forderung gestellt, noch ist ein Bekennerschreiben eingegangen. Jenny teilt die Aufgaben ein und hofft zunächst bei den Familien und Freunden der verschwundenen Kinder auf Gemeinsamkeiten zu stoßen. Erst bei der Überprüfung der durchgemachten Kinderkrankheiten zeigen sich erste Auffälligkeiten. Nachdem weitere Kinder in ganz Europa als vermisst gemeldet werden, ist allen klar, dass eine perfekt organisierte Bande hinter den Entführungen stecken muss. Wo können so viele Kinder untergebracht werden, wenn man sie nicht umgebracht hat? Es stellt sich auch die Frage, ob es einen oder mehrere „Maulwürfe“ in ihren Reihen gibt. In Rollenspielen versuchen sich die mittlerweile zu einem Team verschmolzenen Ermittler in die Gedanken der Täter zu versetzen. Jenny unterzieht die Berliner Kollegen immer wieder Tests, damit sie ihnen im Ernstfall blind vertrauen kann, denn Der Marionettenspieler, der die Fäden in der Hand hält, wird zu einem äußerst gefürchteten Gegner.

Senta Meyer hat mit der Protagonistin Jenny eine außergewöhnliche Figur erschaffen: Mit übersinnlichen Eigenschaften ausgestattet, kommt Jenny fast ohne Schlaf aus, und obwohl sie viel von ihrem Team verlangt und keine Widerrede zulässt, schickt sie ihre Leute abends heim, damit sie im übermüdeten Zustand keine Fehler machen und am nächsten Tag ausgeruht sind, während die Ermittler in den gängigen Kriminalromanen eher bis zum Umfallen arbeiten.

Schon nach den ersten Seiten stellt der Leser fest, dass in dem Roman Der Marionettenspieler ein eingespieltes und zu allerlei Späßen aufgelegtes Ermittlerteam völlig neue Wege geht, wobei einige ihrer Methoden Fiktion sind und dem überschäumenden Einfallsreichtum der Autorin zu verdanken sind, wie beispielsweise der von ihr erschaffene „Höllenstuhl“. Durch interessante Gedankenexperimente und einen ausgefeilten gesellschaftskritischen Plot zieht sie den Leser förmlich in einen Sog, vermittelt Wissen über die menschliche DNA und wird bei der Ausbeutung der Juden durch die Nazis und ihre grausamen Menschenversuche politisch. Der Roman überzeugt durch überraschende Fähigkeiten seiner Protagonistin. Einzig den sich schleppend dahin ziehenden Mittelteil, bei dem die Ermittler immer wieder aufs Neue ihre Ergebnisse den anderen präsentieren, hätte Senta Meyer den Plot kürzer fassen können. Wer wohlwollend über die doch recht häufigen Fehler hinwegsieht, die ein sorgfältiges Korrektorat hätte verhindern können, sollte mit dem Lesen des Romans Der Marionettenspieler von Senta Meyer mit Jennys Countdown „fünf, vier, drei, zwei, eins und go“, beginnen.

Senta Meyer, Der Marionettenspieler, Spica Verlag 2015, Broschur, 304 Seiten, ISBN 978-3-943-168-69-3, Preis: 14,90 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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