Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war der Aberglaube zumindest in den ländlichen Gebieten noch weit verbreitet, so auch in dem auf Sardinien gelegenen Dorf Baghintos, von dem der Roman Das wilde Herz des Wacholders von Vanessa Roggeri handelt. Während eines tobenden Gewitters liegt Assunta Zara in den Wehen, und die Hebamme betet inständig darum, dass es nach sechs Töchtern nicht wieder ein Mädchen wird, was nur ein Unglück bedeuten kann. Doch es kommt noch schlimmer: Die Siebtgeborene trägt die Zeichen des Teufels, ein Schwänzchen am Rücken und ausgebildete Zähne. Sie muss eine Coga, eine Hexe sein!

Severino, der unglückliche Ehemann, wird von seinem Vater Efisio eindringlich gemahnt, das Neugeborene sofort zu töten, um weiteres Unheil abzuwenden. Das bringt er jedoch nicht übers Herz und überlässt die Kleine in der Nacht draußen ihrem Schicksal, wo sie allerdings von der zehnjährigen Tochter Lucia gefunden wird. Die Familie ist bestürzt und trotz aller gegenteiligen Hoffnungen überlebt Ianetta, wie Lucia ihre Schwester nennt. Das arme Mädchen wird in eine Kammer abgeschoben, niemand darf mit ihr reden und sie ernährt sich von dem, was sie findet, weshalb sie nur aus Haut und Knochen besteht. Für alles Unglück wird die Coga verantwortlich gemacht, und nur Lucia meidet ihre Schwester nicht. Eines Tages wird sie von Ianetta aus den Fängen einer Bande von Jungen gerettet. Später übergibt ihr die mutmaßliche Coga sogar die verschwundene Schwester Mariuccia. Die Familie will davon allerdings nichts wissen und macht für die in der Folge schwer erkrankte Mariuccia wieder Ianetta, die Coga, verantwortlich. Der neu ins Dorf gezogene Dottore Spada versucht Lucia vom Aberglauben abzubringen, und noch weiß die nichts von der Intrige einer ihrer Schwestern.

Vanessa Roggeri macht in ihrem Roman Das wilde Herz des Wacholders deutlich, welche Auswüchse der Aberglaube nehmen kann. Wie bei einer selbsterfüllenden Prophezeiung münden die eigenen Handlungen genau in der Katastrophe, die man verhindern wollte. Der Roman kommt über weite Strecken ohne wörtliche Rede aus. Stattdessen beschreibt die Autorin sehr fantasiereich und ausschmückend. Eine beklemmende Atmosphäre breitet sich bereits von den ersten Seiten aus, und eine düstere und Unheil verheißende Stimmung wird beispielsweise durch eine mit Lammblut bemalte Truhe noch verstärkt.

In dem zumindest in der ersten Hälfte eher handlungsarmen Roman steigt die Spannungskurve kontinuierlich, wobei für den Leser der Verlauf der Handlung nicht vorhersehbar ist. Er bangt mit den Schwestern Lucia und Ianetta und hofft, dass insbesondere die Intrige einer ihrer Schwestern aufgedeckt wird. Das wilde Herz des Wacholders ist ein herzergreifender Roman, den Männer eher belächeln werden, Frauen mit einer Vorliebe für das Mysteriöse dagegen begeistern wird.

Vanessa Roggeri, Das wilde Herz des Wacholders, Deutscher Taschenbuch Verlag 2015, Klappenbroschur, 272 Seiten, ISBN 978-3-423-26061-9, Preis: 14,90 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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