Alma ist sieben Jahre, als sie von ihren Eltern aus dem von den Nazis besetzten Polen zu ihrem Onkel Isaac Belasco und seiner Frau nach Sea Cliff in Kalifornien geschickt wird. Nach der Trennung von ihrem in den Krieg gezogenen Bruder Samuel, von dem kein Lebenszeichen mehr kommt, und den Eltern, die im Warschauer Ghetto umkommen, wird ihr Cousin Nathaniel ihr bester Freund. Ihre Liebe gehört jedoch Ichimei Fukuda, dem Sohn des Gärtners, dessen aus Japan stammende Familie im Krieg alles verloren hat. Die heimlichen Treffen mit Ichimei lassen Alma eines Tages eine folgenschwere Entscheidung fällen, die auch für Nathaniel Konsequenzen hat.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat Irina zunächst eine harte Kindheit in Moldawien und auch später in Kalifornien bei ihrer Mutter Radmila eine traumatisierende Zeit, bis sie im Jahr 2010 in dem Altenheim Lark House eine Anstellung findet. Dort betreut sie auch die mittlerweile über achtzig Jahre alte Alma, für die sie als Sekretärin arbeiten soll, um Almas Enkel Seth bei seinem Bestreben, die Familiengeschichte der Belasco’s aufzuschreiben, zu unterstützen. Allerdings wundern sich Irina und Seth darüber, dass Alma heimlich zu Treffen fährt, Briefe ohne Absender und Blumen erhält, und ein Foto von einem Japaner aufbewahrt. Aber dann feiert Alma im Altenheim nach dreißig Jahren ein Wiedersehen mit Lenny, den niemand kennt. Bei seinen Recherchen für die Familienchronik scheint es für Seth noch viele Geheimnisse zu geben, die nur Alma zu kennen scheint.

Isabel Allende stellt in ihrem Roman Der japanische Liebhaber im Wechsel die Schicksale einzelner Personen vor, wobei sie mit der ins Altenheim einziehenden Alma beginnt. Immer wieder lässt sie Briefe in nicht chronologischer Reihenfolge einfließen, die von Almas großer Liebe Ichimei stammen. Durch die Vorstellung vieler Mitglieder der weit verzweigten Familien konnte die Autorin die unterschiedlichsten, ihr offensichtlich wichtige Themen ansprechen, wie die Résistanz, das Schicksal vieler Frauen in Moldawien, die sich plötzlich in den Fängen skrupelloser Zuhälter wiederfanden, oder der systematischen Vernichtung der Juden im Dritten Reich und der sehr ähnlichen Schicksale vieler Japaner nach dem Angriff auf Pearl Harbor. Außerdem reißt sie kurz das Gefangenenlager Guantánamo an, schreibt von Kinderpornographie und Genitalverstümmelung sowie Homosexualität und Aids, also völlig unterschiedliche Themen, die lediglich mit den vorgestellten Personen im Zusammenhang stehen.

Es ist für den Leser nicht ganz einfach, diese Personen immer sofort richtig zuordnen zu können. Besonders für die Übersetzerin mag die der Autorin eigene Art, Dinge zu umschreiben, eine Herausforderung gewesen sein. Wie für Isabel Allende typisch, geht es auch in dem Roman Der japanische Liebhaber um eine große Liebe, die nicht ohne Hindernisse auskommt und selbst noch die über achtzigjährige Alma tief berührt. Ohne Zweifel gehört die Autorin zu den wenigen begnadeten Menschen, denen die ganz besondere Gabe einer Erzählkunst wie angeboren scheint, und wer ihre vorangegangenen Romane kennt, wird feststellen, dass sie mit zunehmendem Alter, wie ein Maler an seinen Bildern, an ihren Büchern gereift ist.

Isabel Allende, Der japanische Liebhaber, Suhrkamp Verlag 2015, Hardcover mit Schutzumschlag, 336 Seiten, ISBN 978-3-518-42496-4, Preis: 21,95 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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