Erst vor fünf Jahren hat die mittlerweile vierunddreißigjährige Martina Bäck von ihrer Tante Uschi und deren Mann Karl erfahren, dass ihr Vater noch lebt. Von Uschi und Karl, bei denen sie aufgewachsen ist, hat sie immer nur gehört, dass er vor ihrer Geburt verschwunden wäre und ihre Mutter, an die sie keine Erinnerung hat, bei einem Autounfall ums Leben kam. Martina erfährt weiter, dass ihr an Schizophrenie erkrankter Vater inzwischen durch Lungenentzündungen und einen Schlaganfall geschwächt ist, womit ihr nicht mehr viel Zeit zum Kennenlernen verbliebe.

In einem ihr von der Tante ausgehändigten Tagebuch ihrer Mutter liest sie von den Veränderungen ihres Vaters und seiner Entmündigung. Aus Verzweiflung darüber und mit allen Sorgen allein gelassen, hat sie einen geplanten Suizid dem Tagebuch anvertraut. Ihren Zieheltern wirft Martina vor, Schuld am Tod der Mutter zu tragen, und sie wird von quälenden Gedanken heimgesucht, nicht früher von der Existenz ihres Vaters gewusst zu haben. Sie besucht ihren Vater zum ersten Mal mit gemischten Gefühlen in der Klinik und erfährt von seiner Ärztin, dass sich sein Zustand im Alter gebessert hätte. Die an einer Universität Unterrichtende begibt sich auf Spurensuche – Diagnose Schizophrenie und liest alles, was sie darüber finden kann. Den Großteil ihres Freundeskreises verliert Martina in der Folge und besucht fast täglich ihren Vater, der sich jedes Mal sehr darüber freut, und sie nimmt sogar Kontakt zu ihrer Verwandtschaft väterlicherseits auf.

Das Buch Spurensuche – Diagnose Schizophrenie könnte man fast schon als Sachbuch in Romanform bezeichnen, denn Barbara Schwarzl hat mit diesem Werk einen Spagat gewagt. Als Rahmenhandlung hat sie das Leben ihrer Protagonistin mit einem an Schizophrenie erkrankten Vater gewählt, klärt aber auf der anderen Seite sehr detailliert über diese Krankheit auf. Sie schreibt von der ersten Erwähnung der Symptome Mitte des 19. Jahrhunderts, dem Umgang mit den Patienten in den früher existierenden Irrenhäusern und den bis in die jüngste Vergangenheit hilflos ausgelieferten Patienten, die der Bequemlichkeit wegen sediert und fixiert wurden. Sogar von Misshandlungen und Vergewaltigungen ist die Rede, und die Autorin lässt in diesem Zusammenhang auch die Gräueltaten und Zwangssterilisationen der Nazis an allen Menschen, die nicht der Norm entsprachen, worunter selbstverständlich auch die Schizophrenen galten, nicht unerwähnt.

Barbara Schwarzl macht mit ihrem Buch interessierten Lesern verständlich, dass es sich bei der Diagnose Schizophrenie, die eine genetische Disposition hat, nicht nur einfach um Verrückte handelt, vor denen man Angst haben muss. Immerhin sollen auch Persönlichkeiten daran erkrankt sein, die Herausragendes geleistet haben. Dass der in einem flüssigen Schreibstil verfasste Roman Spurensuche – Diagnose Schizophrenie am Ende mit einer Liste von Literaturangaben aufwartet, zeigt schon, dass sich die Autorin mit diesem Thema sehr eingehend beschäftigt hat. Den Leser erwartet übrigens noch ein völlig überraschendes Ende, das ihm noch einmal zum besseren Verständnis die Besonderheiten der Krankheit vor Augen führt.

Barbara Schwarzl, Spurensuche – Diagnose Schizophrenie, A. Fritz Verlag 2015, Broschiert, 276 Seiten, ISBN 978-3-944771-15-1, Preis: 16,99 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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