Seit den 1990er Jahren ist ein neues Virus auf dem Vormarsch: Obstacle Course Race, kurz OCR, befällt sowohl Männer, als auch Frauen. Einfach ausgedrückt handelt es sich dabei um ein Matschrennen, einen in jeder Hinsicht extremen Hindernislauf, den aktive Soldaten und Reservisten bereits von den Vielseitigkeitswettkämpfen beim Militär kennen, der dort jedoch in wesentlich kürzeren Distanzen und mit bedeutend weniger Hindernissen praktiziert wird. Für Raffael Zeller ist dieser Extremsport seit über zwanzig Jahren ein Thema, und weil er keine Fachliteratur dazu finden konnte, hat er sich entschlossen, das Buch Schweiß, Schlamm und Endorphine herauszugeben.

Der Autor vermutet, dass man sich mit dem Wühlen im Schlamm ein Stück Kindheit bewahren will und Urinstinkte geweckt werden. Wenn schmerzhafte Krämpfe den Sportler quälen und er der Verzweiflung beim Bezwingen einer fünf Meter hohen Halfpipe, im Eintauchen in Eiswasser oder eines Hindernisses mit Elektroschocks nahe kommt, ist das Durchhaltevermögen zu 80% eine reine Kopfsache. Damit man als Teilnehmer für ein OCR bestens gerüstet ist, verrät Raffael Zeller, worauf schon bei der Ausschreibung des Wettkampfes geachtet werden sollte und was beim Kauf der Kleidung, wozu besonders die Schuhe, aber auch eine Kopfbedeckung oder Handschuhe gehören können, zu beachten ist.

Anhand eines detaillierten Trainingsplanes, der Lauf-, Kraft- und Hindernistraining beinhaltet, kann sich der Wettkämpfer vorbereiten. Das Krafttraining kommt völlig ohne die in Fitnessstudios üblichen Geräte aus, denn der Autor stellt verschiedene Liegestütze, Kniebeugen, Unterarmstütze, Klimmzüge sowie Dips vor und ebenfalls die nach dem Training zur Versorgung der Muskeln so wichtigen Dehnübungen einschließlich eines Faszientrainings für die Bindegewebsstrukturen. Er gibt Ratschläge zur Bewältigung von Ängsten, nimmt Stellung zur Ernährung und erteilt Tipps zur Abhärtung in einem mit Eiswürfeln gekühlten Badewasser, das gleichzeitig der Regeneration dient. Das genießt er völlig! „Blut, Schweiß und Tränen“ werden fließen, so prophezeit er, doch auch Glückshormone werden den Kämpfer überschütten, denn Spaß und Genuss kommen nicht zu kurz.

Beim Lesen wird deutlich, dass Raffael Zeller bei den Empfehlungen in seinem Buch Schweiß, Schlamm und Endorphine auf einen eigenen Erfahrungsschatz blicken kann. Den Leser spricht er direkt an und lässt auch andere Spitzensportler zu Wort kommen. Er weist auf Gefahren hin, wie eine nicht zu unterschätzende Unterkühlung, und spricht eindeutige Warnungen aus, wo Gefahr für Leib und Leben besteht, was bei Herzproblemen der Fall sein kann. Auch appelliert er ausdrücklich an die Vernunft, einzelne Hindernisse lieber auszulassen, bevor man sich aus falschem Stolz in eine gefährliche Situation begibt. Vor den Vorbereitungen zu einem Wettkampf sollte unbedingt ein Arzt konsultiert werden.

Das informative Buch ist gut strukturiert, liefert übersichtliche Tabellen, und reichliche Bebilderungen unterstützen die Ausführungen, die teilweise auch noch mit QR-Codes versehen sind, die mittels eingebauter Kamera eines Smartphons und entsprechender Software gelesen werden können. Der Autor gibt zwar an, dass kein kostspieliges Outfit angeschafft werden muss, doch darf nicht übersehen werden, dass Unterkünfte und Flüge zu den in aller Welt verstreut liegenden Austragungsorten den Geldbeutel doch ganz schön belasten können. Wer sich nicht zu den Weicheiern zählt und zum Mitmachen bei einem Extrem-Hindernislauf entschlossen ist, wird in dem Buch Schweiß, Schlamm und Endorphine, das unter Mitwirkung von Iris Hadbawnik entstanden ist, ganz sicher Antworten auf alle seine Fragen finden.

Raffael Zeller, Schweiß, Schlamm und Endorphine, Verlag Komplett-Media 2017, Broschur, 238 Seiten, ISBN 978-3-8312-0442-7, Preis: 19,99 Euro.

Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

4 Kommentare

  1. Gustavo Woltmann

    Hört sich interessant an, aber ich habe selbst als Kind nicht groß den Wunsch gehabt im Schlamm zu wühlen. Deshalb reichen mir „normale“ Langstreckenläufe wie Marathons oder Ultras. Je nach Terrain und Witterung, kann es auch dabei ziemlich schlammig zugehen. Dennoch kenne ich eine ganze Menge Leute, die von diesen Läufen begeistert sind. Meine junge Nichte inbegriffen.

  2. Natürlich wollen sich nicht alle Kinder unbedingt im Schlamm wälzen. Diesen Wunsch hast du ebenso wenig wie ich verspürt. Aber Raffael Zeller genügt das als Erklärung dafür, dass er sich heute als Erwachsener so richtig schmutzig machen darf. Die Vorstellung, im Schlamm zu wühlen, wäre für mich nicht mal das Schlimmste. Aber mich in einer Badewanne mit eiskaltem Wasser wohl zu fühlen, übersteigt schon meine Vorstellungskraft. Auch wenn ich selbst kaum Gefallen an dieser Sportart finden könnte, war das Buch doch interessant zu lesen und hat meinen Horizont wieder einmal erweitert.

  3. Gustavo Woltmann

    Liebe Beatrix,
    schon seit mehr als zehn Jahren wird im Profisport gerade das eiskalte Wasser hochgeschätzt. Viele Athleten, seien es Langläufer oder Fußballer, unterziehen sich dem Sitzen in einer Eistonne oder einem Eisbad nach dem Training. Die Prozedur fördert eine schnellere Regeneration, um auch am nächsten Tag wieder Höchstleistung zu bringen. Es macht wohl niemandem Spaß (auch nicht Herrn Zeller), aber es hilft.

  4. Zunächst einmal danke ich dir für den neuerlichen Kommentar. Da ich selbst nie Hochleistungssport betrieben habe, war mir die Empfehlung, eiskaltes Wassers zu Zwecken der Regeneration zu verwenden, offen gestanden völlig fremd. Um nun aber noch einmal Bezug zu den Äußerungen des Autors zu nehmen, die mich dann doch im ersten Moment leicht geschockt haben. Auf S. 168 steht seine Empfehlung: „Badewanne mit kaltem Wasser füllen, Eswürfel aus dem Gefrierschrank oder besser noch Kühl-Akkus oder wahlweise Behälter mit gefrorenem Wasser dazugeben (diese halten die Kälte länger) und einfach genießen.“
    Man kann Raffael Zeller doch nur so verstehen, dass er dieses Eintauchen tatsächlich genießt. Ich kann es mir nur mit einer Gewöhnung über viele Jahre erklären und nehme ihm das einfach mal so ab. Vor so viel Selbstdisziplin kann ich nur den Hut ziehen!

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