Aus Furcht vor den sowjetischen Soldaten flüchteten ab Oktober 1944 Millionen aus ihrer Heimat, zunächst aus Ostpreußen, dann aus Schlesien und schließlich aus Pommern. Die Flüchtlinge gingen einer ungewissen Zukunft entgegen und viele von ihnen sind auf der Flucht durch Auszehrung oder Krankheit gestorben. Barbara Endres erinnert in ihrer autobiographischen Erzählung Pollin – Fragmente einer Kindheit in Pommern an diese Zeit und lässt die Protagonistin Eva Hartmann von ihren Erinnerungen berichten.

Eva blickt gerne zurück auf ihr Zuhause Pollin in Pommern, dem heutigen Damnica in Polen. Aus Erzählungen weiß sie, wie Max und Ida Hartmann zueinander gefunden haben und heirateten. Eines ihrer Kinder hieß Felix, Eva’s Vater. Ihre Mutter hieß Erika und war die Tochter von Christine und Johannes Schüler. Nach vielen unentschlossenen Jahren haben die Eheleute Anfang 1940 geheiratet und Eva erlebte in Pollin eine glückliche Kindheit, die allerdings durch den Krieg ein abruptes Ende fand.

Im Alter von vier Jahren musste sie mit der Mutter und den Geschwistern ihr Heimatdorf verlassen. Erst kamen die Polen, danach die Russen, die ihnen alles abgenommen haben. Bis zum Sommer 1945 konnten sie in Danzig unterkommen, danach haben sie sich nach Berlin durchgeschlagen. In jenen Tagen war das „Durchkommen“ zu Verwandten wichtig, damit sich Familien wieder finden konnten, denn Eva’s Vater, der verwundet in einem Lazarett lag, wusste noch nicht, wohin es seine Familie verschlagen hatte.

Barbara Endres erinnert in Pollin – Fragmente einer Kindheit in Pommern an eine Zeit, als eine Tochter noch zur „Höheren Tochterschule“ geschickt wurde, in der noch geheiratet werden „musste“ und es viele Auswanderer nach Amerika zog. Sie lässt aber auch Erinnerungen an gestrickte Badeanzüge nach dem Krieg, das Hamstern und die Tauschgeschäfte aufleben: Butter gegen Ohrringe oder Brot gegen Seidenstrümpfe. Sehr detailreich schildert die Autorin ihre Erinnerungen auf eine Art, die es dem Leser ermöglicht, das Geschehene nachzuvollziehen. Die bildhafte Sprache lässt ihn gebannt weiter lesen und am Schicksal der Familie teilhaben. Der Krieg hat die Menschen alle verändert und auf der Flucht sind Fremde näher zueinander gerückt, weil man aufeinander angewiesen war. Kinder mussten zusehen, wie sich Menschen aus Verzweiflung das Leben genommen haben und wie die Toten gefilzt wurden. Unzählige Kriegsheimkehrer haben ihre auf der Flucht verloren gegangenen Familien gesucht und viele von ihnen haben ihre Kinder, die auf der Flucht geboren und gestorben sind, nie kennen gelernt. Selbst nach Kriegsende sind noch Kinder an den Folgen von Unterernährung gestorben und auch Tote gab es weiterhin zu beklagen, wenn Schiffe auf Seeminen trafen.

Dreißig Jahre später hat sich Eva auf eine Zeitreise in ihre Kindheit begeben und ihr Heimatdorf aufgesucht. Vieles hat sich verändert, ihre Heimat ist zur Heimat für andere geworden. Sie muss akzeptieren, dass sich die Zeiten geändert haben. Wer von diesem Buch begeistert ist, kann sich über eine Fortsetzung freuen, denn unter dem Titel Kölner Mosaik hat Barbara Endres ihre Autobiographie fortgeführt, der ihren Lebensweg bis in die siebziger Jahre aufzeigt.

Barbara Endres, Pollin – Fragmente einer Kindheit in Pommern, Frieling & Huffmann 2012, Broschur, 175 Seiten, ISBN 978-3-8280-2999-6, Preis: 9,90 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

2 Kommentare

  1. Hallo Frau Petrikowski,

    Betr. Rezension: Pollin-Fragmente einer Kindheit in Pommern

    Im zweiten Absatz heißt es: …, dem heutigen Polczyn-Zdroj …
    Mit diesem Ort hat der Roman nichts zu tun es müsste heißen …, dem heutigen Damnica in Polen.
    Pollin ist ein Pseudonym für das damalige Hebrondamnitz.

    Vielen Dank für Ihre Rezension meines Buches.

    Mit vielen Grüßen
    Barbara Endres

  2. Ich grüße Sie Frau Endres und danke Ihnen für den Hinweis!

    Leider kann ich heute, nach zwei Jahren, nicht mehr sagen, woher ich die Information bezüglich des Ortes bezogen habe. Unseren Lesern wollte ich als Hintergrundinfo den Ortsnamen nennen, wie er heute auf den polnischen Landkarten zu finden ist. Immerhin kann ich zu meiner Entschuldigung anbringen, dass ich von der Existenz des Ortes Pollin ausging und ihn nicht für ein Pseudonym gehalten habe.

    Mit den besten Wünschen für das bevorstehende Weihnachtsfest grüßt Sie
    Beatrix Petrikowski

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