Das Biedermeier-Spielzeughaus von Therese und Hubert Siegmund

Das Biedermeier-SpielzeughausEin ganz ungewöhnliches Werk haben Therese und Hubert Siegmund mit dem Bilderbuch „Das Biedermeier-Spielzeughaus“ geschaffen. Bilderbücher, die ohne Text auskommen, sind zwar nichts Besonderes und es gibt sie in Hülle und Fülle, womit gerade die Kleinsten einen ersten Zugang zu einem Buch überhaupt gewinnen. Was aber dieses Werk von allen anderen unterscheidet ist, dass es sich zu einer Wohnstube aufklappen lässt, die typisch für die Wohnsituation der Jahre um 1840 ist und als Biedermeier bezeichnet wird.

Anstelle der Möglichkeit zum Blättern zeigt sich in dem großformatigen Buch nach dem Aufklappen mittig die Front eines Spielwarengeschäftes von Julius Siegmund, zur rechten im Erdgeschoss ein Kinderzimmer und darüber eine Küche, deren drei Seiten von vorne betrachtet werden können, während die eine Seite der „Wand“, je nach Betrachtungswinkel, die Fensterfront von außen gesehen darstellt, an die sich ein Garten anschließt. Links der mittig gelegenen Hausfront befindet sich im Erdgeschoss der Laden des Spielwarengeschäfts selbst, darüber ist der Speisesaal der Familie, der wie auf der gegenüberliegenden Seite eine Fensterfront aufweist, die bei entsprechendem Betrachtungswinkel auch wieder das Haus, an das sich eine Gasse anschließt, zeigt.

Für Kinder ab fünf Jahren gibt es in den vier Räumen unendlich viel zu entdecken, was ihnen teilweise bekannt sein dürfte, zum Teil aber auch völlig fremdartig vorkommen wird. Anstelle einer digitalen Waage „hängt“ in der Küche eine damals gebräuchliche Balkenwaage und gekocht wird nicht auf einem Ceranfeld, sondern auf einem mit Brennmaterial zu befeuernden Küchenherd. Dass es sich bei keiner der in der Küche hantierenden Frauen um die Mutter handelt, ist nicht unbedingt zu erkennen. Doch aus dem Begleittext geht hervor, dass es sich dabei um angestelltes Personal handelt, die Biedermeierfamilie somit einer gehobeneren Schicht angehört.

In dem Spielwarengeschäft wird kein elektronisches Spielzeug angeboten, sondern man wirbt mit Holzpferdchen, Klapper, Windvogel und Musikinstrumenten. Im Speisezimmer gibt es für die Kleinen einen heute eher selteneren Sekretär zu entdecken und als i-Tüpfelchen Federn, die in Tinte getaucht als Schreibmaterial dienten. Interessant auch die an den Wänden „hängenden“ Bilder, die den Menschen in der damaligen Zeit Landschaften gezeigt haben, die sie nur selten in Natura sehen konnten. Denn, auch das sollte den kleinen Betrachtern des hübsch gestalteten Buches klar werden, die Menschen sind nicht wie heute in den Urlaub gefahren. Reisen waren nur wenigen Abenteurern vorbehalten.

Dass es sich bei dem Aufklappbuch um die Darstellung einer Wohnung vergangener Zeiten handeln muss, wird auch schon durch die Kleidung der abgebildeten Personen deutlich. Die Frauen tragen bodenlange Kleider und Hüte, die Herren Frack. Das mit viel Liebe zum Detail, wie beispielsweise eine aufklappbare Dunstabzugshaube, erstellte Bilderbuch „Das Biedermeier-Spielzeughaus“ von Therese und Hubert Siegmund, der übrigens „der einzige hauptberufliche Konstrukteur von Modellbaubögen in Deutschland“ war und „den Kartonmodellbau revolutioniert“ hat, wie der Verlag verrät, regt die Fantasie der Kinder an und bietet sicherlich eine Menge Diskussionsstoff bei dem Versuch, ihre Fragen zu beantworten.

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Das Biedermeier-Spielzeughaus von Therese und Hubert Siegmund

Das Biedermeier-Spielzeughaus
Esslinger Verlag 2021
Hardcover
8 Seiten
ISBN 978-3-480-23705-0

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Bildquelle: Esslinger Verlag


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