Es gibt Kunstwerke, die durchaus ein Vermögen kosten, und dennoch mag sich mancher Betrachter fragen, was ihm der Künstler damit sagen will. Vielleicht fragt er sich sogar im Stillen, ob er die Klecksereien oder Pinselstriche nicht genauso hinbekommen hätte. Es ist allgemein bekannt, dass sich über Kunst streiten lässt, wozu unzweifelhaft auch literarische Werke gehören.

Ähnlich ergeht es manchem Leser, wenn er das Büchlein Betrachtungen über Blaues und Schwarzes von Enya Benthaus zur Hand nimmt, in dem die Autorin in den Kapiteln „Himmel/Wasser“, „Blues/Rhythm“, „Die Blaue Blume“, „Nacht“ und „Bluescreen/Testbild“ Kurzgeschichten und Gedichte vorstellt. Da trifft ein Vater seine Tochter bei Regen in einem Café, doch erfährt der Leser nichts über den Dialog. Ein Mensch, der nicht an die Naturgesetze glaubt, springt vom Parkhaus und will fliegen, ein anderer springt von einer Stromleitung auf ein Zugdach. Als gerade promovierter Mediziner stellt jemand fest, dass er gar kein Mediziner sein will und bleibt niedergeschlagen von der Niedergeschlagenheit zurück. Der uns bekannte Tagesablauf liest sich in einer Chronik, bei der es um „Schranklinge“ und eine Katze beim Gewitter geht, folgendermaßen: „Gelb Uhr sechshundert“, „Schweden Uhr Kanada“, „Kuchen Uhr schokolade“, um nur einige Beispiele zu nennen. In einer Geschichte trägt der „Weihnachtsman“ keinen Rauschebart, sondern Rastalocken, kommt aus Bielefeld und hat unbezahlte Praktikanten-Spione in Überwachungsvans und in einer nächsten erschießt ein Mann seine Frau, weil er fürchtet, dass eines Tages etwas schief laufen könnte. Dass nämlich jemand sie erschießen, vom Dach schubsen oder mit einem Messer in die Kehle stechen könnte.

Die Texte von Enya Benthaus drehen sich überwiegend um Betrachtungen über Blaues und Schwarzes, vornehmlich in der Dunkelheit und Kälte. Viel Leid und Enttäuschung spricht aus ihnen und häufig hängt ein Mensch seinen Erinnerungen nach. Eine Frau, die an der rechten Hand einen Ring trägt, singt beispielsweise „von Liebe und Leid und Katastrophe und Heldentum“, wenn sie alleine ist. Anders als in fast allen anderen Texten ist damit natürlich eine Aussage getroffen, die vermutlich auf das Schicksal vieler unglücklicher Ehen aufmerksam machen soll. Doch bleibt beim Leser selbst davon wenig zurück, weil er sich mit dem Problem kaum auseinandersetzen wird. Ein einziger, wirklich kritischer Ansatz findet sich in der Aussage, dass nicht nur der Nordpol schmilzt, sondern auch die Arbeitsplätze. Zumindest die fair und gerecht bezahlten Arbeitsplätze, denn miserabel entlohnte gibt es genug.

Die junge Autorin Enya Benthaus kann mit dem Büchlein, für dessen Lektüre nur sehr wenig Zeit veranschlagt werden muss, ihr Debüt feiern. Ob sich eine breite Leserschaft auf eine Fortsetzung ihrer schriftstellerischen Fähigkeiten freut, muss bezweifelt werden. Es sei denn, sie wird sich in Zukunft auf einer kompatibleren Ebene dem Leser mitteilen.

Enya Benthaus, Betrachtungen über Blaues und Schwarzes, Chaotic Revelry Verlag 2014, Paperback, Format DIN A6, 140 Seiten, ISBN 978-3-9815811-5-7, Preis: 9,95 Euro.

Wie bewerten Sie dieses Buch? schrecklichschlechtdurchschnittlichgutausgezeichnet 2 Stimme(n) | Bewertung 1,50 | Sie müssen sich registrieren, um am Leservoting teilzunehmen.
Loading...

Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

8 Kommentare

  1. Es ist interessant zu sehen, dass man ein Buch rezensieren kann, von dem man gleichzeitig zugibt, es nicht verstanden zu haben. Vielleicht war der Fehler ja auch „für dessen Lektüre nur sehr wenig Zeit [zu] veranschlag[en]“, anstatt die Texte einzeln auf sich wirken zu lassen. Denn bei genauem Lesen lassen sich in vielen der oft sehr kurzen Momentaufnahmen geradezu ganze Lebensgeschichten erkennen.

  2. Es mag sein, denn das will ich gar nicht bestreiten, dass sich in den kurzen Momentaufnahmen ganze Lebensgeschichten verbergen, die ich zu meiner Schande nicht entdeckt und verstanden habe. Doch nutzt es einem Leser wenig, wenn er zum Verständnis eines Buches einen Translator benötigt. Du scheinst da eine Ausnahme zu bilden und quasi der Mozart unter der breiten Masse der Leserschaft zu sein. Da kann ich nur den Hut vor dir ziehen!

  3. Bei einem derartig kleinen Indie-Verlag von einer breiten Leserschaft zu sprechen, passt wohl ebenso wenig wie mich als Mozart zu bezeichnen. (Zumal Mozart nun mal eher dafür bekannt ist, Kunst zu schaffen, als sie zu konsumieren.)
    Ich denke auch nicht, dass man für dieses Buch einen „Translator“ braucht. Vielmehr reicht es, sich ein wenig Zeit zu nehmen, um sich tatsächlich mit den Texten zu beschäftigen.

  4. Wenn ich von einer breiten Leserschaft gesprochen habe, so meinte ich damit nicht den weniger bekannten Verlag, sondern die Webseite BuchAviso, die mein Mann und ich betreiben, da die sich glücklicherweise einer breiten Leserschaft erfreuen kann. Was das Genie Mozart anbelangt, so war dieser Begriff von mir eher als Synonym gewählt. Ungeachtet dessen hat er ohne Zweifel Kunst in Form vieler musikalischer Werke geschaffen, doch wird er sicher auch Kunst konsumiert haben, um eben genau daraus seine einzigartigen Kompositionen zu schaffen.

  5. Vielen Dank für den Vergleich mit Jeff Koons! Wünschte nur, ich würde mit meiner Pseudokunst, die keiner versteht und eigentlich jeder andere auch machen könnte genauso viel Geld verdienen. Aber da sich ja keiner auf die Fortführung meiner schriftstellerischen Fähigkeiten freut, hör ich wohl lieber auf damit und werde Müllmann. Die braucht die Welt auch viel dringender als Autoren. 🙁

  6. Na, so etwas nenne ich Zufall: Da entdeckt doch die Autorin wenige Stunden nach der Freischaltung einen Kommentar zu ihrem Werk, zu dem sie ebenfalls Stellung bezieht. Danke Enya Benthaus für diese offenen Worte mit dem Eingeständnis, dass keiner ihre Texte versteht. Für mich war die Besprechung des Buches eine Herausforderung, denn in den Texten habe ich vergeblich nach dem tieferen Sinn gesucht, der sich meinem geistigen Horizont einfach nicht erschließen wollte. Es gibt nur wenige Bücher, die literarisch wirklich anspruchsvoll sind. Meist werden sie nur von wenigen Menschen gelesen und verstanden, wozu beispielsweise der Roman Nachhall der finnischen Autorin Beile Ratut gehört. Das macht deutlich, dass ich mich schon gedanklich sehr intensiv mit den Texten auseinandersetze und auch eine Rezension nicht scheue, die so einem Werk gerecht werden soll.

  7. Hm, wie ist aus meinem Lächelsmiley ein trauriger Smiley geworden? Anyways, ich danke überschwänglich dafür, dass Sie mir die Augen dafür geöffnet haben, dass ich diese über längere Zeit entstandenen und viel bearbeiteten Texte eigentlich völliger Humbug sind und ich jetzt meine Berufung in der Abfallbeseitigung finden kann.

  8. Das klingt wie der Kommentar eines trotzigen Kindes! Doch muss ich Sie leider enttäuschen, denn Sie können auch kein Müllmann werden. Nicht einmal eine Müllfrau, da der Beruf seit 2002 ein Ausbildungsberuf ist. Doch vielleicht gelingt Ihnen ja nach Ihrem Studium, mit der nötigen Reife, ein Neustart als Autorin.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.