
Spannende Wendungen gleich zu Beginn
Angelika Stephan wartet bereits mit der ersten Kurzgeschichte ihres Buches Tote reisen nicht* mit einer Überraschung für die Leser auf: Ein Überfall auf Hanna nimmt einen glücklichen Ausgang. In einer weiteren Geschichte täuscht ein Paar eine Autopanne vor, ohne zu ahnen, dass ein Ring ihnen zum Verhängnis wird, als sie sich scheinbar hilfesuchend an Christine wenden. Katja wiederum wird es bereuen, in einer Disco einen Whiskey mit Cola getrunken zu haben. Und der Ehestreit zwischen Helen und Heinz führt zu einer entscheidenden und völlig überraschenden Wendung in der Auseinandersetzung zwischen Mario und Georgio.
Nachdenkliche Episoden mit Tiefgang
Nach diesen spannungsgeladenen Texten wendet sich die Autorin ernsteren Themen zu. Jens, der in Amerika lebende Sohn von Mia, möchte seiner Mutter zum Weihnachtsfest eine Überraschung bereiten – ohne zu ahnen, dass ihn selbst eine unerwartete Wendung ereilen wird. Eine weitere Episode schildert die Beobachtungen einer Frau, die während einer Straßenbahnfahrt irritiert feststellt, wie ungerecht eine Mutter ihren Sohn behandelt. Der Fleischerlehrling Hannes rächt sich auf ungewöhnliche Weise an seiner Kollegin Doris, und Tulu vom Stamm der Oromo verliert seine geliebte Makeda gerade in dem Moment, als er glaubt, sie gewonnen zu haben.
Humor mit ernstem Unterton
Den humorvollen Teil eröffnet Angelika Stephan mit einer Geschichte, in der Willis anfängliche Freude über den Mauerfall bald seinen Sorgen weicht: Arbeitslosigkeit zwingt ihn, auf vieles aus der Wohlstandsgesellschaft zu verzichten. Es folgt ein Dialog zwischen Herbert und Heinz in einer Kneipe, in dem Heinz seinem Freund streng Geheimes verrät. Die letzte Geschichte widmet sich den Veränderungen in der siebenjährigen Ehe von Margret und Karl.
Gesellschaftskritik und harte Realität
Das Buch Tote reisen nicht* vereint spannende, nachdenkliche und humorvolle Kurzgeschichten. Gerade die unter „Humorvolles“ zusammengefassten Texte regen ebenfalls zum Nachdenken an. In einem ironisch anmutenden Dialog wagt die Autorin einen Ausblick auf die Zukunft der Deutschen und setzt sich kritisch mit dem Thema Altersarmut auseinander – einem gesellschaftspolitischen Problem von wachsender Bedeutung. Besonders eindringlich ist die kürzeste Kurzgeschichte, in der Angelika Stephan die grausamen Praktiken der Genitalverstümmelung in Äthiopien thematisiert. Vielen Frauen des Oromo-Stammes bleibt dieses Ritual nicht erspart: Nach der Entfernung der Klitoris und der kleinen Schamlippen wird die Vulva bis auf eine kleine Öffnung zugenäht – ein barbarischer Brauch, bei dem der Tod der Mädchen billigend in Kauf genommen wird.
Mehr als nur Geschichten
Neben den Kurzgeschichten enthält die Anthologie auch Gedichte, die sich über das gesamte Buch verteilen. Darüber hinaus stellt die vielseitige Künstlerin ihr Talent mit eigenen Bildern unter Beweis. Zwar kommen ihre Gemälde im Originalformat besser zur Geltung, doch auch die farbgewaltigen Abbildungen im Kleinformat bereichern das Buch.
Viel Lesestoff bietet die Anthologie zwar nicht, doch die Geschichten sind interessant, regen zum Nachdenken an und eignen sich dank des praktischen Formats bestens als Lektüre für unterwegs – ob im Bus oder in der Bahn.
Tote reisen nicht von Angelika Stephan

Shaker Media 2014
Taschenbuch
130 Seiten
ISBN 978-3-95631-240-3