Johannes Witek gibt in Was sie im Norden der Insel als Mond anbeten, kommt bei uns im Süden in die Sachertorte eine sehr ungewöhnliche Lyrik und Prosa zum Besten. Gespickt mit kritischen und zynischen Untertönen sieht sich der Leser so mit neuen Wortschöpfungen konfrontiert und oftmals mit einer Aneinanderreihung von Versen und Zeilen, die zumindest auf den ersten Blick keinen Sinn ergeben und gar nicht zusammen passen wollen. Die gewählten Gedichtformen fügen sich nicht in das klassische Bild, das man sich von einem Gedicht macht. Mit den teils surreal anmutenden Inhalten der Texte muss sich der Leser schon auseinandersetzen und bisweilen muss er Passagen auch ein zweites Mal lesen, um hoffentlich dann verstanden zu haben, was uns diese Zeilen sagen wollen. Teilweise gelingt es aber selbst dann nur schwer oder gar nicht. In jedem Fall muss man ganz schön um die Ecke denken können und diesem Stil aufgeschlossen gegenüber treten.

Witek lässt in seinen Texten abgerissene Daumen einrollen und anschließend rauchen, an anderer Stelle gibt es ejakulierende Feuerwerkskörper. Der Autor klagt die Anonymität unter Nachbarn an, wo sich niemand um keinen kümmert und berichtet aber auch von einem Dorf, in dem jeder von jedem alles weiß. Bei einer Trennung ist in der Regel der der Gefickte, der nicht gefickt wird und es tauchen in den Gedichten Begriffe wie Kinderarbeit und ein Big-Mac-Menü auf. Die gesammelte Absurdität der menschlichen Existenz packt Witek in ein Ohrläppchen und wir sind die Opfer unseres Bildungssystems und der freien Marktwirtschaft. Auch ist vom Wald die Rede, der ein Problem festgestellt hat, das beendet werden muss; allerdings wird darüber kein Problembericht gesendet.

Die zwischenmenschliche Geheimsprache kennt 40.000 Synonyme fürs Ficken, aber kein einziges für Hoffnung. Kritische Töne und Wortspielereien betreibt der Autor auch, wenn er die Welt nicht untergehen lässt, aber auch nicht unbedingt auf. Und man kann in Kirchen nicht nur ein-, sondern auch aus ihnen austreten. In einer der vier Kurzgeschichten, die ebenfalls nichts für einfach strukturierte Denker sind, nimmt Witek die wenigen Familien aufs Korn, die sich in einem Dorf die wichtigsten Ämter teilen und wo schon jeder mit jedem gefickt hat. Wie endet Johannes Witek noch in Was sie im Norden der Insel als Mond anbeten, kommt bei uns im Süden in die Sachertorte mit einem Gedicht? „Mehr braucht es nicht, um nichts mehr zu brauchen.“ Damit ist doch alles gesagt, oder?

Johannes Witek, Was sie im Norden der Insel als Mond anbeten, kommt bei uns im Süden in die Sachertorte, Chaotic Revelry Verlag 2010, Paperback, 154 Seiten, ISBN 978-39812457-2-1, Preis: 12,95 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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